Von Alfred Polgar

Kürzlich wurde der gläserne Mensch im Gesundheitsmuseum in Köln aufgestellt.

Eine Ausstellung, „Der Mensch“, zeigt in Bildern, Präparaten, schematischen Darstellungen und bezaubernd anschaulichen Mechaniken den Menschen, wie er leibt und wie er lebt, wie er sieht, hört, riecht, schmeckt, fühlt, atmet, verdaut, sich abnützt und erneuert, wie sein Herz robotet, seine Nerven spielen, seine Nieren filtern, seine Muskeln schwellen, seine Haare sprießen, sein Dann und sein Hirn anmutig sich winden, kurz, alles, was unter, in und auf der lebendigen Menschenhaut sich erledigt. Oh, es gibt Dinge zwischen Schädeldach und Fußsohle, von denen die Schulignoranz sich nichts träumen läßt!

Vieles erfährt man hier von des Menschen Wohl und Weh und von dem Erstaunliches, das die Maschine, die er darstellt, leistet. Zum Beispiel gibt es da einen riesigen gläsernen Kübel voll Himbeerwasser, und dieses ist die Blutmenge, die das Herz in einer halben Stunde durch den Körper pumpt. Oder man sieht eine Eisenzange (an deren Hebeln ein 50-Kilo-Gewicht wirkt) vergeblich bemüht, eine Haselnuß zu öffnen, die unsere Zähne ganz leicht knacken. Wozu Kiefer imstande sind! Auch wird die Nahrungsmenge gezeigt, die ein erwachsener Mann mit dem Appetit und den Bezügen eines Normalbürgers zu Normalzeiten im Laufe eines Jahres durch seine Därme jagt. Käse ißt er verhältnismäßig wenig, einen halben Edamer pro Anno.

Ja, das ist alles sehr schön und schauenswürdig, was „Der Mensch“ zu schauen gibt..., aber der Mensch ist nicht nur Körper, sondern, wie bekanntlich schon die indische Philosophie lehrt, auch Seele. Und von dieser mag die Ausstellung gar nichts wissen. Schade. Ihre Methoden der Darstellung und der Veranschaulichung, angewandt auf dem Gebiet der Psyche – was für wunderbar lehrreiche, aufregende Schauobjekte gäbe das! Zum Beispiel: ein riesiger Kübel, angefüllt mit Papierfetzen, Staub und zerbrochenem Kram, um zu veranschaulichen, was während eines Lebens von durchschnittlicher Dauer die Seele eines Durchschnittsmenschen an Illusionen ausscheidet. Daneben, als mikroskopisches Präparat: was sie von ihnen behält. Zur sinnvollen Ausschmückung wäre über dem Kübel bildlich etwa darzustellen, wie ein Jüngling mit tausend Masten in den Ozean schifft, indes über dem mikroskopischen Etwas ein Greis zu sehen wäre, still, jedoch auf gerettetem Boot.

Oder ein Maschinchen (von jedem Besucher selbst durch Druck auf einen Knopf zu bedienen), das sinnfällig macht, wie der Besucher aussieht, und wie er – Druck auf den Knopf – aussehen müßte, wenn das Antlitz in der Tat Spiegel des Innern wäre. Oder eine Tabelle, die ersichtlich macht, welches Übermaß an Hirn- und Nervenkraft das reife Individuum tagtäglich verbraucht, um den Haderlumpen in sich zu bändigen. Nebst einer Zerlegung dieses erschütternden Vorgangs in seine Zwischenphasen. Oder eine Darstellung der langsamen, aber sicheren Abstumpfung, Lähmung, Ertaubung, nekrotischen Zersetzung des Urteilsvermögens durch regelmäßige Zeitungslektüre. Oder, was ein grundehrlicher Mensch in vierundzwanzig Stunden zusammenlügt: a) in der Großstadt, b) in Orten unter zwanzigtausend Einwohnern.

Schade, daß die Schau den Menschen nur zeigt, wie er leibt, und nicht, wie er seelt.