Bildende Kunst in Hannover

Von Alfred Hentzen

Vielleicht ist es ein Vorzug, wenn eine Stadt keine Veranlassung sieht oder zu sehen glaubt, auf den Ehrentitel „Kunststadt“ Anspruch zu machen – ein Vorzug auch für das künstlerische Leben in ihren Mauern selbst. Dadurch werden manche Dinge einfacher und natürlicher. Nicht jede Ausstellung, nicht jeder Museumsankauf wächst sich zu einer Prestigefrage aus und, wenn irgendeinem irgend etwas nicht gefällt, heißt es nicht gleich: „Das Ansehen der Kunststadt ist in Gefahr.“

Man braucht aus dieser Vorbemerkung nicht zu schließen, daß die Hannoveraner an Ausstellungen in ihrer Stadt nicht anteilnähmen. In dieser Beziehung scheinen sie mir sogar den Bürgern manch anderer Stadt überlegen. Sie pflegen die Tradition und sind zugleich aufgeschlossen für Neues und Ungewohntes. So haben sie neben dem Landesmuseum und dem städtischen Kestnermuseum aus eigener Kraft und Initiative zwei Vereine gebildet, die im wesentlichen der Kunst der jeweiligen Gegenwart dienen: den „Kunstverein Hannover“, der schon über hundert Jahre winkt und zeitweise zu den größten Organisationen dieser Art in Deutschland gehörte, und die jüngere „Kestner-Gesellschaft“, die seit dem ersten Weltkrieg bis heute – mit der obligaten zwölfjährigen Pause – viel von sich reden macht.

Zwei Museen und zwei Kunstvereine –: dieses Nebeneinander ist in beiden Fällen keineswegs ein Gegeneinander, sondern trägt zu einer lebendigen Vielseitigkeit bei. Im Landesmuseum nimmt die Kunstabteilung (neben der bedeutenden vorgeschichtlichen und einer vielseitigen naturwissenschaftlichen Abteilung) den größten Raum ein. Diese Sammlung ist aus verschiedenen Beständen zusammengesetzt: nur ein Teil gehört im eigentlichen Sinne dem Museum, das heißt: früher der Provinz, heute dem Lande Niedersachsen. Ein kleiner, aber erfreulicher Beitrag ist Eigentum des Vereins für die öffentliche Kunstsammlung. Eine besonders wichtige Abteilung umfaßt das Welfenmuseum mit seinen bedeutenden kirchlichen Kunstschätzen aus dem ganzen Lande, und schließlich hat die Städtische Galerie ihren bedeutenden Bestand an Bildern des 19. und 20. Jahrhunderts dem Landesmuseum überlassen, ja neuerdings sind auch die älteren Gemälde vorwiegend italienischer und altdeutscher Meister des städtischen Kestnermuseums in diese Sammlung eingereiht. Die Stadtväter haben dadurch Einsicht und Unvoreingenommenheit bewiesen. Man sagt sich mit Recht, daß es wichtiger für eine Stadt ist, eine bedeutende, geschlossene Galerie zu haben als zwei weniger überzeugende Sammlungen.

Das Gebäude des Landesmuseums war im Kriege stark mitgenommen worden und konnte nur nach und nach wiederhergestellt werden. Auch jetzt ist erst etwa die Hälfte der Räume der Kunstabteilung wieder benutzbar. Dadurch ist ein ständiger Wechsel der ausgestellten Bestände bedingt, der neben den offenbaren Nachteilen auch seine Vorteile hat: Die Hannoveraner werden zu häufigeren Besuchen angeregt, weil es immer wieder Neues zu sehen gibt. Der Direktor der Kunstabteilung, Dr. Stuttmann, breitete hier kürzlich die Malerei der Zeit von 1400 bis 1800 aus, vom Altar des Meisters Bertram und sienesischen Bildern des Kestnermuseums bis zu Caspar David Friedrich. Eine vielseitige und reiche Sammlung, die fast alle Besucher, auch die Hannoveraner, überrascht. Übrigens konnte hier auch aus hannoverschem Privatbesitz leihweise manch Bedeutendes beigesteuert werden, darunter nichts Geringeres als Bilder von Rubens und Rembrandt!

Außerhalb Hannovers sind auch die Reichtümer des Kestnermuseums zu wenig bekannt, das eine wahre Fundgrube für Kostbarkeiten aus allen Perioden der Kunst vom alten Ägypten bis zum 18. Jahrhundert ist. Da nach der Wiederherstellung des Gebäudes die besten Ausstellungsräume dem Kunstverein zur Verfügung standen, konnte Direktor Küthmann bisher nur einen Bruchteil dieser Schätze zeigen, in dem verständlichen Bemühen, im beengten Raum möglichst viel zu zeigen, zunächst etwas zu dicht gestellt.