Die Sowjetunion schafft den Bauern ab, Jugoslawien die Kolchose

Die Kollektivierung der Landwirtschaft hat in den kommunistischen Ländern nicht die gewünschte Wirkung gehabt. Weder ist die erwartete Produktionssteigerung eingetreten, noch sind die Bauern zu Proletariern geworden. Zu gleicher Zeit ziehen zwei kommunistische Länder, die Sowjetunion und Jugoslawien, aus dieser Erkenntnis ganz verschiedene Konsequenzen. Die Sowjetunion hat eine große Aktion gestartet, um aus den Kolchosen nunmehr Super-Kolchosen, also landwirtschaftliche Fabriken zu machen, während Jugoslawien den umgekehrten Weg geht und seine Kolchosen wieder in bäuerliche Einzelbetriebe auflösen will.

Der Kreml befiehlt Agrar-Städte

Wieder einmal vollzieht sich in der Sowjetunion eine Revolution, deren Opfer noch einmal die russischen Bauern sind – sofern man die heutigen Kolchosarbeiter überhaupt noch als Bauern bezeichnen kann. „Vergrößerung der Kolchoswirtschaften“ heißt das neue Schlagwort, – und das Ziel ist die Landwirtschaft endgültig in ein industrielles Unternehmen zu verwandeln. Es sollen sogenannte Agrar-Städte geschaffen und der Landarbeiter zum Fabrikarbeiter gemacht werden.

Dies war eigentlich schon das Ziel der großen Kollektivierungsaktion, die in den Jahren 1929 bis 1933 etwa 25 Millionen selbständiger Bauernwirtschaften in 80 000 Kolchosen zusammenschweißte. Aber man hatte damals den Bauern noch gewisse Konzessionen gemacht: ein winziges Stück Gartenland, ein paar Obstbäume, Hühner und zuweilen sogar eine Kuh waren ihnen als persönliches Eigentum belassen worden. Und diese wenigen Requisiten der bürgerlichen Besitzordnung genügten, um den Bauern nie ganz zum klassenbewußten sozialistischen Kolchosarbeiter werden zu lassen.

Die Abhängigkeit der Kolchosniki von ihren „Besitzerinstinkten“ verführt sie immer wieder zur Erweiterung ihrer Scholle und zum „Raub“ von Gemeinschaftsland, so heißt es. Wie die Prawda im September 1950 mitteilte, sind allein im Gebiet von Bobriusk in 121 Kolchosen und im Gebiet von Krasnodar in 430 Gemeinschaftswirtschaften Fälle von Aneignung von Gemeinschaftsland festgestellt worden. Ein Blick in die sowjetischen Zeitungen genügt, um zu erkennen, daß es sich hier nicht um Einzelfälle, sondern um Massenerscheinungen handelt, die in allen Gouvernements zu beobachten sind.

Dies also soll nun endgültig geändert werden. Zunächst hatte das Mitglied des Politbüros Chruschtschew auf einem Kongreß von Vertretern der Kolchosen, Brigadeführern und MTS-Direktoren des Moskauer Gebietes am 27. Juni 1950 die Dringlichkeit der neuen Maßnahmen betont. Er fand dabei zahlreiche Gründe, um den „Kleinkolchosen“ von 500 bis 1000 Hektar jede Existenzberechtigung abzusprechen. Schließlich führte dann die „Prawda“ in einem groß aufgemachten Leitartikel aus: „Das Ziel der Vergrößerung der Kolchose ist: Bessere Ausnutzung der Arbeitskräfte, bedeutende Steigerung der Produktion, maximale Ausnutzung des Bodens, Stärkung der sozialistischen Disziplines, Erziehung der Kolchosmitglieder im Geiste des Kommunismus und völlige Änderung ihrer Psychologie.“