Der wenig begüterte Kunstfreund pflegt heute die begrenzten Beträge, die er für seine Liebhaberei zu erübrigen vermag, etwa in Mappen mit farbigen Wiedergaben nach Meisterwerken der Kunst anzulegen, die zwar durchweg anständig gedruckt sind, aber doch nur wenig von dem unmittelbaren Eindruck des Originals vermitteln können. Gewiß ist es ein Vorteil, daß die bedeutendsten Kunstwerke dank der Entwicklung der modernen Druckverfahren auch denjenigen bekannt wurden, die sich Reisen zum Besuch der großen Galerien nicht leisten können. Aber andererseits verführt dies dazu, die Originale nicht mehr genau anzuschauen, wenn sich die Gelegenheit einmal bietet. Man „kennt“ ja das Werk und ist dann gewöhnlich beim ersten Anblick des Originals überrascht, weil es nicht der Vorstellung entspricht, die man von der gefälligen Wiedergabe her hatte.

Ohne seine Absicht gelangt somit der an sich aufgeschlossene Liebhaber kaum zu einem engeren Verhältnis zu den Werken der Kunst. Ein Weg hierzu wäre der tägliche Umgang mit Originalen. Aber nur wenige können sich leisten, Gemälde und Aquarelle selbst lebender Künstler zu kaufen und ihre Wohnung damit auszustatten. Deshalb hängt man Reproduktionen in die Zimmer.

Erfreulicherweise gibt es jedoch eine sehr einfache Möglichkeit, sich mit Originalen zu umgeben, nämlich mit graphischen Blättern, die sich auf verschiedene und durchaus billige Weise erwerben lassen. Man kann heute im Kunsthandel zum Beispiel Radierungen, Holzschnitte und Lithographien von Beckmann, Feminger, Kirchner oder Schmidt-Rottluff gelegentlich für weniger als zwanzig Mark kaufen, auf Auktionen bisweilen noch günstiger, das heißt zu Preisen, die häufig niedriger sind als die für Farbreproduktionen derselben Meister.

Zudem zielen manche Bestrebungen auf Wiederbelebung der graphischen Techniken bei den Künstlern und auf die Verbreitung ihrer Arbeiten im Publikum. Sie alle gehen von der Überlegung aus, daß ein Künstler, der mit dem sicheren Absatz einer größeren Auflage seines graphischen Blattes rechnen darf, das einzelne Exemplar für einen sehr geringen Preis abgeben kann und dabei einen höheren Verdienst erzielt, als ihm der Verkauf einer kleinen Anzahl zu relativ hohem Preise einbringen würde. Etwa seit der Jahrhundertwende pflegen Kunstzeitschriften mit begrenzter Auflage nach diesem Prinzip ihre Hefte mit Originalgraphiken lebender Künstler auszustatten. Eine andere Form der Verbreitung entwickelte seit 1925 die Hamburger Griffelkunstvereinigung, über deren Wirken „Die Zeit“ in Nr. 44 des vorigen Jahres ausführlich berichtete.

Die gegenwärtig in den Ausstellungsräumen der Vereinigung gezeigten Blätter eines Privatsammlers sind ein ermutigendes Beispiel für eine mit geringen Mitteln in mehr als drei Jahrzehnten zusammengetragene, hervorragende Sammlung. Ihr Besitzer hat 1920 als Schüler mit fünfzehn Jahren seine Briefmarkensammlung verkauft und den erzielten Erlös an einige Künstler geschickt mit der Bitte, ihm dafür Holzschnitte, Radierungen oder Lithographien zu senden. Sie kamen alle seinem Wunsch nach, unter anderen Marie Laurencin, Felixmüller und Hans Purrmann. Nur George Grosz antwortete: „Ich halte Kunstbegeisterung für eine Herzkrankheit. Machen Sie kalte Abreibungen und hanteln Sie tüchtig. Das hilft!“ Aber er legte trotzdem ein Blatt bei, einen echten George Grosz, der die Nachtseiten des Lebens so deutlich schildert, daß man darauf verzichten mußte, es jetzt in der Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es trägt die ironische Widmung: „Dem Obersekundaner E. B. zur Belehrung und Erbauung“.

E. B. hat sich durch diese wohlgemeinten Ratschläge nicht beeinflussen lassen. Seine Sammlung stellt heute einen beachtlichen Wert dar, sie enthält ausgezeichnete Blätter von allen Künstlern der „Brücke“, Arbeiten von Beckmann, Campendonck, Feininger, Barlach, Mataré, Hofer, Kubin, Marcks und Kuhn. Sie regen den Beschauer an, es ihrem Besitzer gleichzutun und keine Bedenken gegen die Verbreitung einer Herzkrankheit zu hegen, die sich Kunstbegeisterung nennt.

H. J. Hansen