Ich merke die Ironie von allem, besonders wo keine Ironie ist. Wenigstens sagen meine Freunde, Gott meine es ernst, sogar die Natur sei ohne Ironie. Aber da irren sie...“ Vielleicht enthüllt dieses Wort einer Hauptfigur in Hermann Kestens großem Roman „Die Zwillinge von Nürnberg“ (Querido Verlag, Amsterdam, 539 S.) den Angelpunkt, um den sich diesem vielgeprüften, von Zweifeln gejagten und dennoch souverän heiteren Erzähler die Weltereignisse umgruppieren. Der krasse, ja grauenvolle Realismus vieler Vorgänge auch in diesem gewagtesten seiner Bücher ist nur Schein und Vorwand, durch den die „Ironie Gottes“ hindurchblickt. Das ergibt eine ungemein eigenwillige, kaum übertragbare Theodizee; Gott, so ahnt man, verstellt sich (Ironie ist ja Verstellung), wenn er Einbrüche der Barbarei heraufführt mit Foltern, Konzentrationslagern und moralischem Zerfall. Er setzt – zur Heimsuchung seiner Getreuen? – falsche Größenordnungen. Er macht die Menschen glauben, Krieg, Machtkampf und Verfolgung sei das, was zählt, und das lahme Bein einer Großmutter sei dem gegenüber so unerheblich wie das Knospen einer Forsythie, wenn der Orkan braust.

Daß die Bösen die Genarrten sind – in dieser Perspektive hat sich noch keiner so dezidiert wie Kesten die europäischen Katastrophenjahre zwischen 1918 und 1945 darzustellen getraut. Es gelang ihm, weil er – mit einem beispiellosen Mut zur Leichtherzigkeit – eine Komödie der Irrungen erfand, von der sich solche monströsen Fakta wie Spartakus-Aufstand, Kapp-Putsch, Hitlerglorie, Emigrationselend und Buchenwald abheben, als seien sie das Imaginäre und die imaginierten Verflechtungen das Reale. Zwillingsschwestern, von denen die eine Zwillingsknaben zur Welt bringt, Verteilung der Kinder zwischen den Schwestern, nach drei Jahren Vertauschung: ein Grundstoff aus der komischen Tradition, verpflanzt in die politische Zerspaltung dieser Jahrzehnte. Äußerste Ähnlichkeit und schärfste Differenz, Haßliebe aus Identität, schauerlichste Umwege zur Verbrüderung – das ist das fiebernde Handlungsgewebe. Historisches verschlingt sich in Fingiertes. Kapp, Ludendorff, Joseph Roth treten auf, mit Namen genannt; um sie herum ins Extrem getriebene Figuren: ein Richter als Inkarnation der systematischen Rechtsbeugung, ein Regierungsrat als Folterknecht in der Dimension des Marquis de Sade, ein Wiener Journalist als ahasverische Gestalt der heimatlosen Linken; Frauen ohne Zahl, monoman triebhaft, monoman lebensgierig, monoman liebend. Und keine Figur ganz ohne Herz, selbst nicht in der fürchterlichsten Verstellung. Nur der Erzähler Kesten – hier gleichsam eine Synthese von Fallada und Malaparte stellt sich, als fahnde er, herzlos, nur nach der Ironie der soi-disant Weltgeschichte.

Mit aller Energie der Selbstverleugnung hält er seinen spröden, lakonischen, verschlossenen, zum Lesen inzitierenden, eben den Kestenschen, Ton durch, in dem nur selten ein Glanzlicht aufflackert und der in seiner Simplizität die allersublimste Ironie ist. Christian E. Lewalter