Es wurden zwei Knaben als Zwillinge geboren. Schnell nacheinander verließen sie den Schoß der Mutter. Und es erwies sich, sie waren einander ähnlicher als sonst zwei Dinge gleicher Form. Sie glichen einander wie klares Wasser, das Kelle um Kelle aus dem gleichen Teiche geschöpft wird. Sie hatten unähnliche Namen erkalten. Di e Namen hatten nicht vermocht, sie voneinander zu trennen. Ihr Körper hatte nur ein Ziel, dem anderen nachzueifern in der Gestalt. Zwischen Tag und Tag bereitete sich die größere Gleichheit vor. Erkrankte der eine, so konnte der andere nicht mehr weit vom Krankenlager sein. Nach wenigen Jahren geschahen wunderbare Dinge mit ihnen. Auf der Schulbank konnte der Lehrer sie nicht unterscheiden. Er verwechselte sie. Auf der Straße wurden sie mit ihrem unrichtigen Namen angesprochen. Sie fanden sich darein, jeder auch auf den Namen des anderen zu hören. –

Sie erregten sich über den unklaren Zustand, in dem sie sich befanden, und versuchten, sich voneinander zu halten. Trotz vieler Vorsicht und noch größerem Widerstreben begannen sie des Nachts voneinander zu träumen. Und es war ihnen, als ob der eine in den anderen überflösse. Als sie erwachten, konnten sie vertauscht sein. Es bedurfte einer Aussprache zwischen ihnen, in der sie aufs neue die beiden Namen auf sich verteilten. Trotz so viel sicherer Ordnung blieb ihre Existenz ungewiß. Sie mißtrauten einander nach diesem Traum und wandten sich im Zorn voneinander ab. Heimlich erwogen sie, der eine müßte den anderen töten. Aber plötzlich kicherte ein Lächeln hinter dem Plan: daß sie sich selbst töten würden; und nur der vertauschte andere zurückbliebe.

Dennoch trugen die blutigen Gedanken eine Frucht. Sie wollten sich ein Unterscheidungszeichen gewaltsam aufzwingen. Und der eine unter ihnen ging hin, nahm ein dolchartiges Messer und brachte sich unterhalb der linken Brustwarze eine breite Schnittwunde bei, tief gekerbt bis auf die Rippen. Als das Geschehene mit einer wulstigen Narbe verheilt war, zeigte der Gezeichnete eines Abends beim nächtlichen Entkleiden dem anderen das heimliche Mal. Der schwieg eine Weile betreten, entblößte dann seinen Oberkörper. Auch er hatte den Dolch genommen. Wortlos, zornig, suchte jeder sein Bett. Verzweifeltes Ahnen: niemals würde der eine vor dem anderen ein Geheimnis haben können. Dunkle Triebe glommen in ihnen auf. Sie fühlten sich voreinander nackend, schämten sich voreinander. Ein Gott aber lächelte und wand ihnen alle Dolche aus den Händen. Ihre Zeit wurde reifer. Es gab kaum noch Anlässe und Gedanken, deren sie sich schämten. Man sagte von ihnen, daß das Böse lose in ihnen saß. Was auch immer über sie gesagt wurde, die zwei Bedrohten wollten in ihrer Gesinnung verträglich bleiben. Sie faßten, schon halb erwachsen, einen Entschluß. Sie wollten voneinander gehen. Verschiedene Erdteile sollten an ihnen wirken, verschieden heiße Sonnen ihren Körper bestrahlen. Der eine wird braun, der andere bleicht. So dachten sie. Denn sie hatten zuweilen bemerkt, daß der eine ein wenig blühender aussah als der andere.

Eines Tages stach von einem Küstenplatz ein Dampfer in See. Auf dem Deck des Schiffes wandelte der eine. Er hatte beim Verlassen des Hafens nicht mit heimatlichen Gefühlen über die Reling geschaut. Er hatte, in seiner Kabine eingeschlossen, nur ein paar Seufzer ausgelassen. Grundlose Schwermut, die dem Ungewissen galt. Tief in ihm war es fröhlich, denn er fuhr außer Landes, südlich. Milde Gedanken kamen über die Wasser zu ihm. Umschmeichelten ihn. Er sah langsam eine der Türen der Decksaufbauten sich öffnen. Eine Gestalt trat hervor, die ihm glich. Er wollte an Gespenster glauben. Herz, das vor Erschrecken still stehen will. Ohr, wie mit Wachs ausgegossen. Schwindel. Seine Augen schlossen sich. Schwarz wie geronnene Galle. – Der Mensch ist arm. Und einsam. Und ausgeliefert. Daß ihm niemand hilft, darum ist diese Geschichte. Daß er an keines Brust flüchten kann, keiner Nacht entrinnen, deshalb ist diese Geschichte. –

Die Brüder erkannten einander. Als das Schiff den ersten spanischen Hafen anlief, wollten sie von Bord. Eine List sollte sie trennen. Als erster der Passagiere, die an Land gingen, war der eine am Kai, enteilte, floh. Der andere, damit seine List gelänge, verweilte bis zur vorletzten Minute des Abtäuens an Bord, enteilte in dieselbe Stadt. So hatten sie einen kurzen Abstand voneinander gewonnen.

Doch geschah es nach geraumer Zeit, daß sie einander auf Her Hauptstraße dieser spanischen Hafenstadt begegneten. Es war gegen Abend, Lichter flammten schon auf. Schnarrende, näselnde, sehr überflüssige Musik drang aus einem kleinen Kaffee heraus. Ein Kind glitt in diesem Augenblick aus und fiel aufs harte Steinpflaster. Es begann zu weinen. Auf dieser Straße war alles genau so wichtig und vorbestimmt wie die Begegnung. Sie begriffen es. Sie erzählten einander ihre Erlebnisse in dieser Stadt, in der sie Nachbarn gewesen waren, ohne es zu wissen. Die Häuser waren ein Nebel gewesen. Jetzt war die Straße aus Glas. Sie selbst wurden gläsern und erkannten einer des anderen entblößte Existenz. Sie beschlossen, gemeinsame Sache zu machen. Gemeinsame Sachen sind stets Wege zum Gewissenlosen. Sie verloren, wie bei den Tagen ihrer Kindheit, alle Scham voreinander. Man sah sie gemeinsam oft des Abends in Kaffeehäusern sitzen. Sie betrachteten ihr Leben als verfehlt, weniger: als halbiert. Sie wurden genügsam und ausschweifend gleichzeitig. Zuweilen waren sie betrunken. Dann umarmten sie sich und küßten einander, sprachen gebrochen, der eine, der andere sei seine liebe Hälfte, sein halbes Leben, sein vollkommenes Vorbild. Oder was sonst Moralisches oder Unsinniges über das Wunderbare ihres Daseins vorgebracht werden konnte.

Es kam eine Zeit mit einem Anlaß zu vielen tragischen und wilden Reden. Sie beide liebten ein Mädchen, das keine Zwillingsschwester neben sich hatte. Jeder wünschte es für sich zur Frau. Sie weinten einander nächtelang vor. Sie erschöpften sich unter Tränen, daß sie wieder gute Menschen, werden wollten. Der Vorsatz festigte sie. Sie destillierten ihr Gemüt auf alle Grade des Entsagens hinauf. Nach Wochen, eines Nachts, unter heftigen Anfällen von Schluchzen verzichteten beide um des anderen willen auf die Geliebte. Das Ende der gegenseitigen Bemühungen war, da sich kein anderer Weg auftun wollte, daß um die Geliebte gelost wurde. Sie erschraken, denn das billige Orakel wurde kein Zwilling. Es entschied mit nein und ja. Da war wieder der Haß in ihnen locker. Doch wurde das Mädchen des einen Hausfrau. Aber sie wußte nicht, wessen Genossin sie geworden war. Die Eheschließung gab den ruhelosen Brüdern keine Freiheit. Der Verheiratete mußte sich um den Ledigen mühen; denn er fühlte, er hatte eine Schuld abzutragen.