Im allgemeinen ist’s eine mißliche Sache, Zeitungsaufsätze in Buchform herauszubringen. Zu den seltenen Ausnahmen gehören Carl Sonnenscheins „Notizen“, die jetzt der Verlag Josef Knecht, Frankfurt am Main, in zwei Auswahlbändchen vorlegt. Denn obwohl gerade diese Notizen in einem eminenten Sinne journalistisch sind – geschrieben also, um durch das gedruckte Wort auf das reale Zeitgeschehen einer heute vergangenen Gegenwart einzuwirken –, sind sie, unabhängig vom aktuellen Anlaß und trotz all dessen, was inzwischen geschehen ist, in einem beinah bestürzenden Maße lebendig geblieben. Das mag zum Teil am Stil liegen. Denn Sonnenscheins vulkanisches Temperament hat die Fesseln journalistischer Schablone gesprengt und eine durchaus originale Ausdrucksform geschaffen. Diese Sätze, oft nur aus Subjekt und Prädikat bestehend, jagen in rasenden Wirbeln daher und reißen in unwiderstehlichem Stakkato selbst den zögernden Leser mit sich. Und doch – der Stil allein würde nicht ausreichen, die so langdauernde und nachhaltige Wirkung einer publizistischen Tagesarbeit zu begründen, wenn nicht hinter der rasanten Sprache jener Geist stünde, der nach der biblischen Verheißung allein lebendig macht. Denn mit Sonnenschein ist ein Prophet aufgestanden in unseren Tagen, eine Täufergestalt, Vorläufer zugleich und Wegbereiter für die Erkenntnis, daß das Schicksal des Abendlandes sich entscheidet an der Frage, ob es gelingt, aus dem Geist des Christentums eine neue soziale Ordnung zu schaffen oder nicht. P. W.