Aus dem Nachlaß Paul Valérys ist jetzt kürzlich – bei Gallimard – ein Prosaband „Histoires brisées“ erschienen. „Bruchstücke von Geschichten“ – läßt sich vielleicht dem Sinne nach sagen. Geschichten? Das klingt verwunderlich für alle, denen Valérys mokante Abneigung gegen das Romanschreiben bekannt ist. „Der Haushofmeister öffnete die Türen zum Speiseaal und meldete der Frau Botschafter, es sei angerichtet“ – nein, dieser Jargon war nichts für Valéry, auch dann nicht, wenn es ihn zu irgendwelchen Kapriolen drängte. Wirkliche Geschichten also, in denen mehr oder minder visionär, mehr oder minder verschlüsselt, erzählerische Phantasie sich selbst Genüge tut, sind gar nicht zu erwarten. Es handelt sich vielmehr um eine – noch von Valéry selbst vorgeordnete – Sammlung von Prosafragmenten, die, als „Entwürfe von Erzählungen“ getarnt, in ihrer Gesamtheit einen einzigen Entwurf darstellen, und zwar den einer Anthropologie des „neuen“ Menschen. Denn, weiß Gott, Valéry gehört nicht zu denen, die die konstante Unveränderlichkeit des Menschen (“des“ Menschen) propagieren. Nichts war ihm so fremd, wie die verblendete Selbstüberheblichkeit all derer, die einfach nicht damit rechnen wollen, daß es – wie Bertrand Russell sagt – durchaus in anderen Regionen des Kosmos Lebewesen geben mag, die uns Menschen vielleicht im gleichen Verhältnis überlegen sind wie wir den Quallen...

Was Wunder, daß das Thema „Robinson“ innerhalb dieser Entwürfe wiederersteht. Ihm kommt eine wahrhaft zentrale Stellung zu. Um Robinson zu erfinden, allerdings, mußte die Menschheit selbst aus dem Erdzeitalter der Robinsonaden herausgetreten sein. Dann erst, als sie die primitiven Hantierungen, Erforschungen, Bestürzungen meisterte, vermochte sie sich in einer Robinsonade zu „reflektieren“. Valérys Robinson – über Seiten hin durch ein aufregendes Stakkato ausschließlich von Stichworten entworfen – muß eine ganz neue Bestürzung entdecken: die Freizeit und den Müßiggang. Was hilft es ihm, daß er sich nach dem Hunger und der Gesellschaft seiner genau definierten Bedürfnisse zurücksehnt? Er sieht sich einer „entsetzlichen Freiheit“ ausgeliefert: „ich habe nur noch ein Gesetz, und das ist meine Gleichgültigkeit“. Robinson – Funktionär des Lebens! Der knappe Scharfsinn und der zugreifende Witz, mit dem Valéry aus der Bestandsaufnahme solchen Lebens eine Enthüllung unserer Situation heraustreibt, enthüllen sich gleichsam selbst nicht als passiver „Niederschlag“ einer denkerischen Kurve des Einfalls und der Kaprice, sondern als aktives Instrument der Untersuchung.

Aber das klingt nun fast schon zu um-sinnlich. Dabei entstehen Valérys Denkergebnisse immer aus sensitiven Erfahrungen. Er versäumt nicht zu erwähnen, daß Robinsons Faulheit eine Tochter des Räuchern-Könnens ist und des Pökeins. Der Mensch hat es gelernt, die Früchte der Arbeit vom Vorabend auf den andern Tag zu retten! Was wird nun daraus? Zwei andere Prosaentwürfe, „Acem“ und „Die Insel Xiphos“, versuchen in besonderem Grade dem nachzugehen. In „Acem“ versuchte Valéry, der nichts so haßte wie die Intimitäten des „inneren“ Lebens, sie in faßbare heraldische Denkbilder zu pressen. So sind sie dann pofaniert, haben nichts mystisch Nebuloses mehr. Was sich da auf den ersten Anhieb als „jugendstilig“ anbietet, erhellt sich dem genaueren Zusehen als dicht gefüllte Denkfigur, die kein „Darüber hinaus“ kennt: ihre Bedeutung enthüllt sich im Vollzuge. Es wird nicht auf etwas außerhalb Liegendes angespielt, sondern der Denkprozeß selbst macht sich „aktiv“ offenbar. (Stilistisch sieht das manchmal so aus, als seien Mallarmé und Montesquieu eine „cartesianische“ Ehe eingegangen!)

Ganz deutlich wird das in den höchst amüsanten „Steckbriefen“ über das Leben auf der „Insel Xiphos“. Sie sind wie Streiflichter, die aus einer meditativen Utopie auf uns zurückfallen. (Am Rande nur, daß es auf der Insel außer Maniküren und Pediküren auch Mentiküre gibt – Leute, die – sich allmorgendlich um die Gedanken- und Sprachpflege ihrer Kundschaft kümmern müssen.) Diese Streiflichter sind mitunter mit der knappen Präzision einer Fabel formuliert. Um einen Begriff davon zu geben, wie scherzhaft sich Valérys Ernst gibt und wie zugreifend solch eine „Abschweifung“ ausholt, sei eine dieser „Fabeln“ hier übersetzt: „Ein Mann war sich irgendeiner Sache ganz sicher geworden. Also wußte man nicht, was mit ihm tun. Nacheinander warf man ihn ins Gefängnis, stellte ihn auf die Kanzel, setzte ihn auf den Thron, tat ihn ins Irrenhaus, wollte ihn töten. Andere dachten daran, ihn zu verpflichten, tausend ausgesuchte Frauen zu befruchten. Endlich – all dieses Getues müde – erklärte er, er sei sich keiner Sache sicher, und man ließ ihn in Frieden. Das nützte er, um eine ‚Ethik‘ zu schreiben, die eines der wichtigsten Bücher der Welt ist: denn alle Welt spricht davon und beruft sich darauf, aber keiner hat sie gelesen.“

Bleibt nur, diesen „Histoires brisées“ ein anderes Schicksal zu erhoffen.

Albert Schulze Vellinghausen