I. Verhaftung um Mitternacht – Als die Deutschen Paris verlassen hatten

Von Henri Béraud

Wir beginnen heute eine Veröffentlichung aus dem Werk „Quinze jours avec la mort“ von Henri Béraud, für die „Die Zeit“ das Alleinrecht für Deutschland erworben hat. – Henri Béraud, der eine der schärfsten publizistischen Federn in Frankreich vor Beginn des zweiten Weltkrieges führte, schildert die Stunden, da er gefesselt in der Todeszelle des Gefängnisses von Fresnes auf seine Hinrichtung wartete. Verurteilt war er als Kollaborateur. Sein Bericht, der vor zwei Monaten in Buchform bei Plön, Paris, erschien, hat in Frankreich Aufsehen erregt Wir betrachten die Schilderung Henri Bérauds, des „Sonderberichterstatters beim Tode“, die Erzählung von seiner Verhaftung im Jahre 1944 durch die Widerstandsbewegung nach dem Rückzug der deutschen Truppen aus Frankreich, den Bericht von seinem Prozeß, seiner Verurteilung, seiner Begnadigung, die im letzten Augenblick durch General de Gaulle, den damaligen Chef der provisorischen französischen Regierung, angeordnet wurde – wir betrachten dies alles als ein menschliches Zeugnis unserer Zeit, das Anlaß zum Nachdenken gibt. Béraud fühlt sich frei von jeder Schuld. Schon im Titel seines Buches klagt er an. Im französischen Text heißt der Uitertitel „La chasse au lampiste“. In Frankreich ist der „Lampiste“ die legendäre Gestalt des unscheinbaren Laternenanzünders, der bei jedem großen Skandal herhalten muß, damit das Licht nicht auf die Schuldigen fällt, die sich im Schatten verborgen halten.

übersetzt von Edmond Lutrand, Copyright „Die Zeit“ und Plön

Man kann seine Epoche belügen, aber es gibt einen Richter, der unbestechlich ist: die Zukunft. Ihr vertraue ich in aller Gelassenheit meine Erinnerungen an.

Hier ist die authentische Geschichte eines Mannes, der die Engländer nicht gern hat und der gemäß verehrungswürdigster Tradition durch Franzosen verurteilt wurde ... Ich heiße Henri Béraud, bin in Lyon am 21. September 1885 geboren, mein Vater war Bäcker und sein Ladenschild trug die Aufschrift „Die goldene Garbe“. Ich war mehr Gassenjunge als Schüler, kam dann in ein Internat, gab aber bald die Studien auf, um viele Berufe zu ergreifen. Ich habe dies alles, so gut wie ich es konnte, in meinen Büchern „Die goldene Garbe“ und „Die letzten schönen Tage“ erzählt. Jetzt werde ich versuchen, das Ineinandergreifen von Ursache und Wirkungen klarzumachen, das mich auf stürmischen Wegen dorthin gebracht hat, wo ich gegenwärtig bin: ins Zuchthaus.

Paris, August 1944 ... Seit einiger Zeit treiben sich Unbekannte um meine Wohnung herum. Seit dem frühen Morgen gehen sie langsam auf dem Bürgersteig auf und ab. Bei Einbruch der Nacht werden sie von anderen abgelöst, die sich auf Bänken herumflegeln. Ich kann sie von meinem Balkon aus sehen, wie sie die vorüberziehenden Wolken betrachten und dazu eine so unschuldige Miene aufsetzen, daß dem Einfältigsten ihr Benehmen auffallen muß. Meine Gegner ...