Von Herbert Fritsche

Alle Angst der Kreatur ist biologisch sinnvoll. Stets steckt eine Schutzmaßnahme in ihr. Die Tiere haben die für sie typischen Furcht-Instinkte auf ihrem stammesgeschichtlichen Werdeweg erworben. Nie aber kann sich eine durch stammesgeschichtliche Erfahrungen begründete Angst auf etwas erstrecken, was der Arterhaltung dient. Die Kreatur würde in solchem Fall veranlaßt, vor den Bedingungen ihrer eigenen Existenz zu fliehen. Da die wichtigste Bedingung der Arterhaltung bekanntlich die Fortpflanzung ist, die sich beim Menschen im Ereignis der Entbindung vollendet, so muß Furcht vor der Entbindung ihrem Wesen nach naturwidrig sein. Denn entweder besteht sie, biologisch betrachtet, zu Recht: dann müssen wir glauben, die Natur wolle die Arterhaltung des Menschen verhindern. Oder sie ist unbegründete Furcht: bloßes Erzeugnis falscher Meinungen, Gewohnheiten und Seelenhaltungen. Für eine wirklichkeitsgemäße Beantwortung dieser Fragen ist der erfahrene Geburtshelfer zuständig. Wenn ein solcher – der Engländer Grantly Dick Read in seinem internationalen Erfolgsbuch Mutter werden ohne Schmerz dessen deutsche Übersetzung kürzlich bei Hoffmann & Campe, Hamburg, erschien – wörtlich behauptet, "daß in nicht allzu ferner Zukunft die Anschauung von der Unveränderlichkeit der schmerzhaften Entbindung nur noch ein Überbleibsel der Vergangenheit, eine Museums-Angelegenheit sein wird", so klingt das zunächst kühn. Erfährt man überdies, daß derselbe Arzt die Narkose-Geburten ablehnt, so mag man vielleicht diese Kombination von schmerzloser Entbindung und gleichzeitigem Verzicht auf Narkosen für eine Phantasterei halten. Aber dieser Dr. G. D. Read hat nicht nur sein Verfahren, schmerzlose Mutterschaft zu erzielen, mannigfach erprobt, in seinem Buch genau dargestellt und überdies von zahlreichen Frauen bestätigen lassen, ihm stimmt sogar bereits die offizielle Gynäkologie in ihren führenden Vertretern zu. Als das Buch vor zwei Jahren in England erschien, wurde es zum Bestseller. Mit Recht. Es ist eine Art Baedeker durch einen wesentlichen und verkannten Bereich des weiblichen Lebens: einen ganz unnötig von Vorurteilen verdüsterten und von Angst und Schmerz verzerrten Bereich. Die Entbindung, das Tor zum Leben, ist; durchaus dazu bestimmt, ein freudiges Erlebnis zu sein. Erst die Furcht bewirkt die Schmerzen. Eine gewiß revolutionäre Anschauung, für die Read aber die Beweise nicht schuldig bleibt.

Einem fast unausweichlichen Andrang von Furcht-Suggestionen sind unsere Frauen ausgesetzt. Mütter ermahnen ihre Töchter unmittelbar vor der Entbindung: "Sei tapfer, Liebling" – eine absolut sichere Methode der Schmerzerzeugung durch eine Furcht-Suggestion. Ärzte haben vom Studium her vor allem das im Bewußtsein, was bei Entbindungen als seltener Unfall vorkommen kann – und so bringen sie als Geburtshelfer oft eine Seelenhaltung mit, die sich auf die Gebärende als negative Ausstrahlung überträgt. Read bezeichnet es als kinderleicht, auf eine solche Frau eine starke Suggestion auszuüben, wenn sie an die Notwendigkeit des Schmerzes glaubt. Ihre gesamte Wahrnehmung ist auf übersteigerte Reize abgestimmt und vor allem auf solche, die für die Umdeutung zu schmerzhaften Empfindungen reif sind. Zumeist übt schon die ganze Atmosphäre eines Entbindungsraums suggestive Schmerzwirkungen aus. Sie strahlt unheilvoll aus Ärzten, Schwestern und Angehörigen, die ja alle an den Schmerz glauben. Mienenspiel, Narkosevorbereitungen, chirurgische Vorsichtsmaßnahmen und dergleichen bezeichnet Read als "sehr wirkungsvolles Mittel zur Erregung von Schmerzempfindungen". Mit bitterem Humor schildert er: "‚Keine Sorge, nur keine Sorge! Wir haben genug Linderungsmittel, wenn es schlimm werden, sollte! Natürlich noch nicht jetzt; Sie müssen so lange durchhalten, wie Sie irgend können!‘ – solche Sätze aus munterem Medizinermund sind so gut wie ein Garantieschein auf sicher eintretenden Schmerz." Furcht und Schmerz nennt er "durch Propaganda, Betrug, Hinterlist und brutale Unmenschlichkeit zu Erzfeinden der Geburt gewordene Zwillinge, die den natürlichen Entbindungsablauf zerstören".

Die Mütter, so betont Read, soll das Zurweltkommen des Kindes bewußt miterleben. Vernimmt sie nicht dessen ersten Schrei, ist sie um ihre höchste Beseligung betrogen. Auf diesen ersten Schrei hin ziehen sich die Geburtswege zusammen; der Vorgang kommt zum natürlichen Abschluß. Das unterbleibt, wenn die Mutter bewußtlos ist. Auch hier ist der natürliche Ablauf der richtige, während Künsteleien zu Komplikationen führen.

Nun darf man fragen: Was hat bei solcher Lage der Geburtshelfer überhaupt noch zu tun? Reads Buch ist eine einzige, ausführliche Antwort auf diese Frage. Nicht kleiner wird nämlich bei der natürlichen Geburt die Aufgabe des sie ermöglichenden Arztes; sie wird größer, bedeutsamer und schwieriger. Mit Aufklärungen und Erziehungsmaßnahmen, die die werdende Mutter richtig vorbereiten, beginnt sie. Wie weit das reicht, lehrt Reads Buch, dessen Überfülle an Wissens- und Beherzigenswertem nicht in wenige Worte zusammengefaßt werden kann. Deshalb ist seine Verbreitung und Lektüre so wichtig, denn dadurch werden schon wesentliche Schritte auf dem Weg getan, den es vertrauensvoll zu wagen gilt. Sodann hat der Geburtshelfer mit der werdenden Mutter die seelische Einstellung – zum Teil mit Methoden, die an das "autogene Training" erinnern – regelrecht einzuüben. Die Beschwerden, die man bei Entbindungen üblicherweise mit leichten Einatmungsnarkosen behandelt, sind durch eine mit körperlicher Entspannung kombinierte seelische Umstellung vermeidbar. Als schlimme Unmenschlichkeit bezeichnet es Read, eine Frau, die nach Einsetzen der ersten Wehen auf die Entbindung wartet, allein zu lassen, "damit die Sache erst einmal vorankommt". Leider wird es oft so gehandhabt, daß man den Arzt möglichst erst im letzten Stadium der Geburt herbeiholt. Read aber verlangt, daß der Geburtshelfer von Anfang an zugegen sein soll – und zwar mit großer Geduld, denn die meisten Frauen werden in solcher Situation "zwischen Unwissenheit und Ungewißheit hin und her gerissen". Das aber führt zu Verkrampfungen, denen Schmerzen und eine verzögerte Geburt folgen. Aufgabe des Arztes ist, derartiges von vornherein zu verhindern. Vom Wehenbeginn bis zum ersten Schrei des Kindes soll er die richtige Führung des Vorgangs innehaben, auch wenn das einmal viele Stunden dauert. Solche Geburtshelfer müssen erst geschult werden. Da erfüllt das bedeutende Werk eine wichtige Aufgabe. Es wendet sich dagegen, daß man die Lehre von der anomalen Geburt schon auf den Hochschulen überspannt, so daß bereits Anfänger das Normale und Natürliche aus den Augen verlieren. "Sammeln wir dann nicht aus eigenem Antrieb Beobachtungen", sagt Read, "so unterliegen wir leicht der Gefahr, schon bei der Schwangerschaftsbetreuung nur nach Anomalem zu fahnden und jede Geburt als Hinterhalt zu werten, aus dem im nächsten Moment der Teufel persönlich hervorspringen muß." Es kann noch lange dauern, bis Reads Erkenntnisse und Erfahrungen Gemeingut werden. Da aber Reads Optimismus der Optimismus der Natur selber ist, wird er sich durchsetzen.