Düsseldorf, im April

Seitdem wir feststellen mußten, daß die Stadt Düsseldorf ihre Chance, ein Mittelpunkt der deutschen Theaterkultur zu werden, verpaßt habe („Die Zeit“ vom 15. Februar 1951), ist aus der blamablen Windstille am Rhein ein Orkan mit zünftigem Theaterdonner hervorgebrochen, Die Stadt hatte zwar die vorausschauenden Anregungen ihres amtsmüden Generalintendanten Gründgens achtlos beiseite gelegt. Sie war bereit, ihr neues Juwel, das Schauspiel, dem kommunalen Selbstbehauptungswillen zu opfern. Man glaubte zunächst, es handele sich um eine „Krise vom Dienst“ um den impulsiven Künstlermenschen Gustaf Gründgens. Als er aber Ernst machte, überließ man ihn der Einsamkeit, obwohl Gründgens öffentlich erklärte, nie sei er mehr Intendant gewesen als in jenem Augenblick, wo er auf sein Amt verzichtet hatte.

Der Anstoß, der nun auch die von ihren „Traditionen“ träumende Stadt in Bewegung brachte, kam von oben und von unten. Zur allgemeinen Überraschung ergriff das Land Nordrhein-Westfalen (Ministerpräsident Arnold und Kultusminister Christine Teusch) die Initiative zur Rettung der Gründgens-Bühne. Es wurde zwar kein Staatstheater etabliert, aber ein wesentlicher Zuschuß versprochen. Private Wirtschaftskreise erinnerten sich des Mäzenatentums früherer Zeiten und sagten ebenfalls einen erheblichen Beitrag zu – wenn das Düsseldorfer Schauspiel aus dem Verbände der Städtischen Bühnen gelöst, in die Rechtsform einer GmbH, umgewandelt und dem Theaterbetrieb jene verwaltungsmäßige Freizügigkeit gegeben werde, deren Fehlen Gründgens in seiner Kritik an den „Strukturmängeln“ des fiskalischen Theaters als Hindernis künstlerischer Entfaltungsmöglichkeit bezeichnet hatte. So bekam man zusammen mit dem städtischen Anteil einen jährlichen Zuschuß von 800 000 Mark für das neu entstehende Schauspielhaus Zusammen, das die Stadt spielfertig zur Verfügung stellen wird. Als vierter Gesellschafter beteiligte sich mit einer kleinen Stammeinlage auch der Deutsche Gewerkschaftsbund an der GmbH. Er bringt vor allem ein. Besucherpotential mit und könnte, wie bei den Ruhrfestspielen, den Differenzbetrag für verbilligte Eintrittskarten erlegen.

Die Schwierigkeit setzte bei der von allen Seiten beglückten Stadt ein. Oberbürgermeister Gockeln zwar ergriff mit seinem Vertreter mutig die gebotene Chance. Aber der zähe Widerstand in den Parteifraktionen bewies noch einmal, wie recht Gründgens hatte, als er die Parlamentarier als ungeeignete Partner einer leistungswilligen Theaterführung bezeichnete. Es bedurfte des drohenden Rückzugs der freiwilligen Gesellschaften, um unter dem Eindruck demonstrativen Unwillens der Wählerschaft endlich die Stadtverordnetenversammlung zum Einlenken, zu bewegen.

Was in Düsseldorf mit zunächst dreijähriger Vertragsdauer gegründet wird, ist gewiß kein Universalrezept. Nicht die Rechtsform der GmbH., sondern ihre spezifisch Düsseldorfer Struktur macht den Theaterleiter unabhängig von Zwischenkontrollen. Der Geschäftsführer-Intendant muß seine gesteigerte Verantwortung mit scharfer Kalkulation bezahlen. Außerdem ist die soziale Grundlage verbreitert worden. Im Grunde gewinnt sogar die Stadt dabei. Obwohl sie an Ansehen und Werbekraft erhebliche Vorteile einheimsen wird, braucht sie ihre Theaterausgaben nicht zu erhöhen. Als drittes Element ist nämlich bereits in der Gesellschaftsvereinbarung für das neue Schauspiel eine Bühnen- und Konzertgemeinschaft mit der Stadt Duisburg projektiert. Damit wird aus einer unhaltbaren kommunalen Position eine vernünftige Folgerung gezogen: zwei wie Berliner Vororte benachbarte Großstädte wollen die Notwendigkeit zum Sparen nicht mit einer Einbuße an Qualität bezahlen.

Gründgens ist bereit, unter diesen Uniständen seine Schauspielarbeit in Düsseldorf fortzusetzen, Er hat eine Schlacht für das deutsche Theater gewonnen. Johannes Jacobi