Den Philosophen ist der Umgang mit der Wahrheit aufgetragen. Das heißt aber nicht, daß jeder im praktischen Leben jederzeit mit der Wahrhaftigkeit so Ernst macht wie Hans Leisegang. „Ich bin der Ansicht, daß man mit Lügen schlecht fährt“, pflegte er zu sagen, und er lächelte, wenn man ihm entgegenhielt, er sei doch gerade mit der Aufrichtigkeit schlecht gefahren – als er, Ordinarius in Jena, 1937 auf dem Marktplatz ein abfälliges Urteil über Hitler äußerte. Damals verlor er seine Professur und mußte ins Gefängnis. 1945 ließen ihn die Sowjets wieder auf seinen Lehrstuhl. Sie sahen wohl in ihm einen „Antifaschisten“. Aber bald wurde ihnen seine Unabhängigkeit anstößig, und sie schrieben ihm vor, was er zu lehren hatte. Seine Antwort: die Emigration nach West-Berlin, wo ihn die Freie Universität als kundigen, erfahrenen und umsichtigen Gelehrten und Lehrer willkommen hieß.

Hier ist er nun, nach drei Jahren ergiebiger Arbeit, einem Herzschlag erleben. Das wichtigste Ordinariat an deutschen Universitäten ist verwaist. Eine Vorpostenstellung, wo Charakter und Wagelust mindestens so wichtig sind wie akademisches Können. Die Berlin-Unlust der Philosophieprofessoren in der Bundesrepublik ist notorisch. Wird einer von ihnen sie jetzt überwinden? Lew.