Wenn auch die Gerüchte nicht stimmen, denen zufolge das Niveau der bisherigen Funklotterie des NWDR so gehalten gewesen wäre, daß sogar die Mantelpaviane von Hagenbeck richtige Lösungen einsandten, so gibt der neue Start am 1. April doch zu denken. Die größten Chancen auf den 10 000-DM-Hauptgewinn hat nämlich nur der Hörer mit dem derzeitigen Normalgeschmack. Die Methode, mit welcher der NWDR den Durchschnittsgeschmack seiner Hörer erforschen möchte, um auch die banausischen Ansprüche an das Programm befriedigen zu können, ist denkbar einfach. Seit dem 1. April werden nun an den letzten Rest von Intelligenz keine Anforderungen mehr gestellt. Der Hörer setzt von den jeweils gesendeten drei Musikstücken oder Werken der Literatur das, was ihm am besten gefiel, an die erste Stelle. Und wer nun mit der Einsendung, der Dokumentierung seines Geschmacks, dem Durchschnitt des Allgemeingeschmacks am nächsten steht, wird dafür belohnt. Alldieweil sich Bach und Shakespeare im Brummkreiseltempo in ihren Grüften umeinanderwirbeln, werden Ganghofer und Paul Lincke aus den himmlischen Gefilden dankbar auf Just Scheu herablächeln.

Die Bildung unseres Geschmacks, im Verlaufe der letzten Ereignisse schon mehrfach zum Stillstand gekommen, wird vom Rundfunk, dem kulturellen Versorgungsbetrieb mit den meisten Kunden, nun völlig lahmgelegt; denn außer einigen hoffnungslos zur Pleite verurteilten Idealisten hat sich bisher noch keine private Stelle darangewagt, von einer staatlichen ganz zu schweigen. Der Rundfunk wird sich – falls er die Ergebnisse dieser Meinungserforschung für seine anderen Sendungen, wie angedroht, wirklich auswertet – auf die unterste Kultur(?)stufe begeben.

Noch haben wir das Recht, den Empfänger abzustellen, wenn wir nicht hören wollen. Aber damit ist das leidige Thema nicht aus der Welt geschafft, denn die Gebühren müssen wir trotzdem zahlen. Die vollen Gebühren! Auch wenn, wie bisher, nur wenige Sendungen hörenswert sind. Auch wenn dann einmal, wie zu erwarten, ein Konzert deutscher Klassiker wahrscheinlich nur noch über Radio Paris oder London hörbar sein wird.

Ich scheue mich nicht zuzugeben, daß der Gedanke, mit meinem Lotteriefünfziger ein gutes Werk zu tun, erst in zweiter Linie Raum in meiner Brust fand; In erster hatte ich bisher die Hoffnung auf einen Gewinn. Die hat mir aber Herr Scheu jetzt gründlich ausgetrieben, denn wer mit seinem Geschmacksurteil aus der Reihe tanzt, hat höchstens die Chance auf den Trostpreis von zehn D-Mark. Womit bewiesen ist, daß alle meine Lehrer unrecht hatten. Die behaupteten nämlich: nur wer sich bildet, wird’s im Leben zu etwas bringen. Seit dem 1. April wird auf meiner Funkpostkarte – falls ich sie überhaupt noch einschicke – die „Gräfin Maritza“ vor der „Eroica“, Muschler vor Goethe und Tarzan vor Sokrates rangieren. Nur so habe ich die Aussicht auf den Hauptgewinn. Was „Kraft durch Freude“ nicht fertigbrachte – die Funklotterie schafft es: „Lilly-Marlen“, „Mamatschi“ und „Glühwürmchen“ werden nun bald die letzten Rudimente eines Bach, Beethoven oder Hindemith aus unseren Ohren gebannt haben.

Just scheute sich nicht zu (betonen, daß die neue Sendereihe kein Aprilscherz sei. Das hieß auf deutsch: Laßt alle Hoffnung fahren! Gp. Fr.