In Lugansk, in der Ukraine, wurde vor 70 Jahren dem Tagelöhner Woroschilow der Sohn Klementi Jefremowitsch geboren. Aus Lugansk wurde inzwischen Woroschilowgrad, aus dem Proletariersproß „Klim“ wurde ein Marschall der Sowjetunion und ein Mitglied des Politbüros. Zwar ist in den letzten Jahren dieser Mann vom Kreml fast nur noch für Repräsentationszwecke verwendet worden, wie etwa anläßlich der Bestattung Dimitroffs oder der Jubiläumsfeier des Umsturzes in Bukarest. Jetzt aber hat Stalin in seine Hände den Oberbefehl über eine neue Phase des kalten Krieges gelegt –: die ideologische Kriegführung.

Woroschilow ist einer von jenen acht Genossen, denen Stalin das brüderliche „Du“ geschenkt hat. Er war schon 1903 dem bolschewistischen Flügel der Sozialdemokratischen Partei beigetreten, doch erst die Welle der Revolution hob ihn empor zu den führenden Parteistellungen. Bis dahin war er nichts als ein kleiner aufsässiger Arbeiter-Agitator gewesen, der jahrelang durch die Gefängnisse des zaristischen Rußlands gewandert war. Die erfolgreiche Verteidigung des damaligen Zarizyn, des heutigen Stalingrad, gegen die weißrussischen Truppen General Wrangels begründete dann den Aufstieg Woroschilows zum roten Heerführer; dies, obwohl Trotzki sein Gegner war.

Der Senior der politischen Marschälle ist ein Mann mit beschränktem Horizont, aber eiserner Faust. Die gleiche rücksichtslose Energie, über die Woroschilow in unbeschränktem Maße zu verfügen schien, als es einst galt, die roten Garden der Revolution aufzustellen, entwickelte er auch ein Vierteljahrhundert später, als die Armeen des Generals von Leeb die Stadt Leningrad, die zweite Hauptstadt der Sowjetunion, berannten. „Wenn diese Stadt nicht mehr zu halten ist, so werde ich an dieser Stelle fallen.“ Wie Hammerschläge fielen seine Worte am 9. September 1941 in der entscheidenden Sitzung, als der Verteidigungsrat von Leningrad verzagte. Zusammen mit einer Sanitäterin barg der rote General wenige Tage später einen Verwundeten aus der vordersten Frontlinie. „Woroschilow ist bei uns, der rote Kommandeur“, sangen wieder die Rotarmisten, die Schulter an Schulter mit den zusammengewürfelten Arbeitermilizen kämpften. Dieses Lied war 1925 entstanden, als der erste sowjetische. Marschall, Michael F. Frunse, unter den Messern der Chirurgen starb und Woroschilow kurz nach dem Sturz Trotzkis zu dessen Nachfolger berufen wurde.

Woroschilow hat eine untersetzte, stämmige Figur, graue Schläfen, einen rosigen Teint und ein rundes Gesicht, in dem die wachsamen Augen auffallen. Schießen und Jagen sind seine Leidenschaften. „Schießen wie Woroschilow“ –: das ist der Ehrgeiz jedes Komsomolzen. Und Marschall Budjenny, der einzige Marschall, zu dem Woroschilow engere Beziehungen unterhält, läßt keine Gelegenheit vorübergehen, mit seinem Freund einen Streifzug durch Woroschilows persönliches 1000 Hektar großes Jagdrevier im Forst von Bolschewo zu unternehmen.

Der geflüchtete sowjetische Generalstabsoffizier Kyrill D. Kalinow erzählt in seinem Buch „Sowjetmarschälle haben das Wort“ (Hansa Verlag, Josef Toth, Hamburg) folgende bezeichnende Episode: Als im September 1942 Wendell Willkie Moskau einen Besuch abstattet, wird ihm zu Ehren im Sankt-Alexander-Saal des Kremls ein privates Diner gegeben. Die Stimmung ist gehoben. Während Stalin und Molotow, wie stets, darauf drängen, eine zweite Front zu schaffen, stürzt Woroschilow plötzlich hinaus, wobei er seinen Gesprächspartner, den US-General Omar Bradley, verdutzt zurückläßt: er kehrt mit dem neuesten Modell eines automatischen Karabiners zurück. Unverzüglich beginnt er mit Lade- und Zielübungen. „Kommen Sie her und sehen Sie sich das an! Ich bin bereit, den Kampf ‚einer gegen zehn‘ aufzunehmen, genau wie in Ihren Gangsterfilmen“, so ruft er den amerikanischen Gästen zu, und zu dem anwesenden sowjetischen Großadmiral gewandt, fügt er hinzu: „Genosse Kusnetzow, du sprichst doch Englisch. Wie hieß der Film noch gleich? – Damit tritt Woroschilow mit seinem Karabiner auch auf Stalin und Willkie zu. Stalin beginnt unruhig zu werden. Die kleine schwarze Mündung des Karabiners ist nun genau auf Willkie gerichtet –: der erhebt sich instinktiv und nähert sich Stalins Sessel. Und da greift der Generalissimus ein. Indem er dem Dolmetscher ein Zeichen gibt, seine Worte nicht mitzuübersetzen, zischt er Woroschilow zu: „Klim, du scheuchst uns wie ein Dorfdepp mit deiner Klapper.“ Sichtlich beleidigt, jedoch gehorsam zieht sich Woroschilow zurück –

Woroschilows größte Tugend ist seine Treue. Ihr verdanken Rokossowski, Rodymtzew und Tolbukin, die sich alle drei im zweiten Weltkrieg mit Ruhm bedeckten, ihr Leben; er hatte sie während der großen Säuberung 1937/38 den Klauen des GPU-Chefs Jeschow entrissen. Aber sein Jähzorn gegen seine Feinde ist nicht weniger bekannt. Bei einer Pokerpartie im Hause des Marschalls Bulganin hatte Woroschilow einmal seinen letzten Rubel verloren. Da er unbedingt weiterspielen wollte, meinte Bulganin: „Einverstanden. Dann mußt du mir einen Wechsel ausstellen.“ Es sollte ein Witz sein. Doch wie ein Besessener tobte der „Eiserne Marschall“ los: „Einen Wechsel? Du bist wohl ganz verrückt geworden, Bulganin. Unglaublich, unter Parteimitgliedern von solchen Sauereien wie Wechseln zu sprechen, die von den Gaunern der kapitalistischen Staaten erfunden wurden, um andere Gauner hereinzulegen.“

Woroschilows Entrüstung war echt. Er haßt aufrichtig alles, was er als bürgerliche Welt betrachtet, und er hört es noch heute gern, wenn man erwähnt, daß er einstmals mitgeholfen habe, den „kapitalistischen. Banditen“ in Rußland den Garaus zu machen. Daß Woroschilow in strategischen Dingen völlig unfähig ist, dies bewog Stalin, ihn schon während des letzten Krieges nach und nach fast aller militärischen Funktionen zu entheben. Sein ungebrochener revolutionärer Fanatismus aber hat ihm nun das Amt eines kommandierenden Kultur-Marschalls eingetragen. Die Gefahr eines heißen Krieges scheint für den Westen geringer geworden zu sein. Die Gefahren des kalten Krieges aber sind eher größer geworden. C. J.