Reisender, kommst du nach Schilda, verkündige dorten möglichst zurückhaltend nur das Lob der wiedererstandenen Stadt! Denn zu leicht kannst du dir schreckliche Ungelegenheiten bereiten ... Es empfiehlt sich, im Gespräch zunächst vorsichtig abzuwarten, wie der Schildbürger jeweils denkt, mit dem man sich gerade unterhält. In zwanzig von hundert Fällen wird er begeistert von den Wiederaufbauleistungen seiner Stadt sein. In ebensovielen Gesprächen wird man die Meinung hören, daß sich da ein schamloser, provozierender Luxus breitgemacht habe. Ganz schwierig aber wird die Unterhaltung mit den restlichen Schildbürgern, die „teils so – teils so“ urteilen.

„Sind Sie schon im neuen Café Sanssouci gewesen?“, wird man da etwa gefragt. „Na – wundervoll, einfach goldig! Ist das mal etwas Schönes! Eine wahre Zierde der Stadt!“ – Nun aber hüten Sie sich, Fremder, etwa zu sagen, daß Sie in der „Kurfürstlichen Krone“ abgestiegen seien und den Neubau dieses Hotels („Erstes Haus am Platze“) auch großartig und wohlgelungen fänden! Sie riskieren nämlich, von Ihrem Gesprächspartner zu hören, daß kein anständiger Schildbürger in dies „aufdringlich protzige Nepplokal“ gehen könne, wo es geradezu „nach zu leicht verdientem Geld“ stinke... In der nächsten Unterhaltung, mit Herrn Pampelmuser, werden Sie dann hören, daß die Stadtväter längst nicht genug für den („sozialen“) Wohnungsbau getan hätten, aber bei öffentlichen Gebäuden einen Aufwand trieben, der „geradezu abstoßend“ sei, und „leichtfertig, weil wir dadurch in den Augen des Ausländers als eine reiche und hoffärtige Nation dastehen“.

Anders Herr Schnuckepunz, den wir als nächsten Kunden aufsuchen: er findet, daß die Stadt mit ihrem aus den Trümmern wiedererstandenen Rathaus sich eine „repräsentative Visitenkarte“ zugelegt habe. Dagegen meint er, daß der „Palast“ der Schildaer Genossenschaftsbank am Markt eine unerträgliche Zumutung für die Kundschaft dieses Instituts bedeute („... na, hörnsemal, bei den Zinsen, die uns Geschäftsleuten da abgenommen werden!“) Das Kaufhaus am Neuen Wall bezeichnet er, eingedenk seiner literarischen Bildung, geradezu als „Paradies der Damen“, als „unerhört attraktiv“. Was ihn aber nicht davon abhält, wenige Minuten später mit düsterer Miene zu verkünden, daß wir („leider alle“) weit über unsre Verhältnisse lebten. Die Industrie, so meint er, wird noch „in ihren Fehlinvestitionen ersticken“; es sei eben, die letzten Jahre hindurch, kein „vernünftiger Wirtschaftsaufbau“ zustandegekommen: alles sei nur trügerische Fassade, die Not und Elend, Pumpwirtschaft und Scheinprofite „in etwa“ verkleistern solle... Dergleichen also, Wanderer, hörst du alle Tage – in Schilda, in unserer guten, alten, lieben Heimat, von biederen Nachbarn und treuherzigen Spießbürgern!

Soweit solche hyperkritischen Äußerungen von Leuten stammen, die (nach der Devise „Die ganze Richtung paßt uns nicht!“) in der „Erregung von Mißvergnügen in bezug auf das gesamtwirtschaftliche Geschehen im allgemeinen und die wirtschaftspolitische Linie im besonderen“ ihre politische Aufgabe sehen, ist das eine mehr (sagen wir höflich:) weltanschauliche Angelegenheit, die sich einer fachlichen Auseinandersetzung weitgehend entzieht. Sofern aber wirtschaftliche Tatbestände unter tunlichster „Ausklammerung“ weltanschaulich-glaubensmäßiger Vorurteile zur Verhandlung stehen, sollte es ja wohl möglich sein, über ein ganz nüchternes Analysieren der Sachverhalte zu – relativ – allgemeingültigen bestenfalls auch „fast allgemein“ anerkannten Ergebnissen zu kommen.

Ein Beispiel dafür gibt die Einhelligkeit, mit der sich die gesamte Wirtschaftspresse allmählich an eine bestimmte grundsätzliche Linie in der Kreditpolitik herangefunden hat; nur Kollege Kreyssig steht jetzt noch abseits, indem er sich auf „namhafte Fachleute“ (wen wohl?) beruft, und meint: es sei im Herbst, an Stelle der Restriktionen „eine Auffüllung des Kreditvolumens notwendig gewesen“. Da sieht man wiedereinmal mehr, wie schwer es fällt, sich von einem alten Steckenpferd zu trennen ...

Wo stecken die „Fehlleitungen“?

Bei einiger Besinnung auf gewisse Grundprinzipien der nationalökonomischen Theorie dürfte man ja wohl zu einer wenn nicht einheitlichen, so doch etwas einheitlicheren Linie auch gegenüber anderen wirtschaftspolitischen Dingen kommen. Dabei denken wir in erster Linie an das Schlagwort von den „Fehlinvestitionen“, aber auch an den Begriff des „Kaufkraftüberhangs“, der nicht weniger ein Schlagwort ist, und ebenso zu falschen wirtschaftspolitischen Folgerungen verleitet, wie die (gar nicht nachprüfbare) Behauptung, daß bei den überwiegend aus Selbstfinanzierung erstellten Anlagen eine „gigantische Fehlleitung“ von Mitteln eingetreten sei. Wenn das so wäre, müßten ja die Betriebe die „sich verbaut haben“, sämtlich am Rande der Pleite stehen – die Gelder für die angeblichen Fehlinvestitionen sind ihnen doch nicht geschenkt worden, sondern stellen echte Erträge dar, die doch wohl zunächst einmal verdient worden, sein mußten!