Von Harold Theile

Es war im letzten Kriege, als man auf den pfiffigen Gedanken kam, ein Farbenblinder könne durch Farbtarnung an Bauten und Fahrzeugen schwerer getäuscht werden. Das stimmte. Der Farbenblinde nimmt nur die Form wahr, er reagiert wie eine photographische Kamera, und ein noch so raffiniert bemalter Tank erscheint auf seiner Netzhaut keineswegs als Schmetterlingslarve. So ward, wieder einmal, aus ziviler Not militärische Brauchbarkeit.

Die totale Farbenblindheit ist selten, die partielle häufig, und die Betroffenen wissen meist nichts davon. Wie Millionen Tests der amerikanischen Armee ergeben haben, ist jeder zwanzigste Mann teilweise ‚farbuntüchtig‘ – aber nur jede tausendste Frau. Der Farbfilm hat also im Durchschnitt den Frauen mehr zu bieten, aber auch ihre Kritik mehr zu fürchten. Ein Meister der Farbretusche erzählte mir, wie ratlos er jedesmal dabeisitze, wenn seine Frau in einem Gespräch über farbige Dinge unzählige modische Ausdrücke für Mischtöne in die Debatte werfe.

Unter den Farbenblinden sind die Bedauernswerten, die Rot und Grün nicht erkennen, in überwältigender Mehrheit. Der ‚rote Nebel der Tat‘ kann sie nicht umhüllen, andererseits ist ihnen die Hoffnung nicht grün. Und soweit die Verkehrsregelung auf Lichtsignalen beruht, läßt sie mindestens vier Prozent aller männlichen Fahrer und Passanten außer Betracht. Lessing konnte das noch kalt lassen. Als er, ohne Schlußlicht und Seitenwinker, 1752 mit der Postkutsche nach Berlin fuhr, und ein Mitreisender ihn auf den grünen Frühling aufmerksam machte, brummte er: ‚Wenn er doch einmal rot wäre!‘ So rollte er auch, ein Prinzip erziehend, unbeteiligt am äußeren Anblick durch Italien, wo Goethe zu seiner Farbenlehre aufgeregt’ wurde; Venedig, Florenz, Rom und Neapel sagten ihm so wenig wie die Emilia, die Toscana, Latium und Campanien. Während Griechen und Römer des Altertums vom Farbenrausch ihres Lebens und ihrer Kunst erst Abschied nahmen, wenn Charon sie über den Styx setzte, errichtete die Philologie a priori ihr Reich im bleichen Schatten des Hades, und bis in die moderne Architektur hinein weht die Farblosigkeit klassizistischen Mißverstehens ihre Kellerluft. Aber fünfzehn Jahre, nachdem Daguerre und Nièpce das Weltbild zu vergrauen begonnen hatten, und die Photographie den Irrtum von einer farblosen Antike just dann unterbaute, als farbtüchtige Archäologenaugen die phantastische Polychromie der Griechen entdeckten, griff Flaubert statt zur camera obscura zu farbigen Brillen und schrieb im Mai 1852 an Louise Colet: „Ich habe den ganzen Nachmittag damit verbracht, die Landschaft durch grüne Gläser zu betrachten. Ich brauchte das für eine Seite meiner Bovary, und sie wird wohl keine der schlechtesten sein.“ Damit hält das Kolorit seinen Einzug in die Literatur. Hier das Bild, das Flaubert dichtete: „In der Allee erhellte ein grünes, vom Laub gedämpftes Licht das rosige Moos, das unter seinen Schritten leise knisterte. Die Sonne sank; der Himmel zwischen den Zweigen war rot, und die gleichförmigen Stämme der in grader Reihe angepflanzten Bäume waren wie eine Kolonnade, vortretend aus goldenem Grund.“ Da mag es denn Madame ergangen sein wie Rilke in Schweden: „Meine Augen ruhen aus, mein Schauen ist ganz voll Schatten und Grün bis weit in mich hinein.“

Dem Spanier freilich ist das satte Grün suspekt. „Der unausrottbare Kleinbürger“, wettert Ortega y Gasset, „der immer in irgendeinem Winkel unserer Seele spukt, der Heuchler lobt es, weil ihm die Ernte vorschwebt, die es verheißt, und wenn er dem Schauspiel Beifall klatscht, geschieht es aus Nahrungsgründen.“ Mag den Leuten im Norden das Grün der Felder den Pulsschlag gemächlich machen: „In Kastilien“, ruft Gasset, „fänden sie die brennende Landschaft, die es sonst in Europa nicht gibt, hier lassen die roten und goldenen Hochebenen den Puls galoppieren.“ Folgerichtig schildert Hemingway in seinem Roman des spanischen Bürgerkriegs die Farbe des Liebesmoments so: „... alles war rot für sie, orangefarben, goldgelb, von dem Sonnenlicht auf den geschlossenen Augen, und alles hatte die gleiche Farbe, alles die Erfüllung, das Besitzen, das Nehmen, alles die gleiche Farbe.“

Und so sehe ich grau für etliche Nächste, die an den großen Spannungen der Seele zwischen dem Pol Rot und dem Pol Grün keinen Teil haben.