Welch zweifelhaft Vergnügen, den Nordwestdeutschen Rundfunk zu kritisieren! Kaum hatten wir in der vorigen Ausgabe der "Zeit" geschrieben: "Der Rundfunk tönt und schweigt", da machte Dr. Grimme Miene, das Schweigen zu brechen. Recht peinlich war es, was nun vor sich ging ...

Man weiß nachgerade, wie so ein "Vorgang" in so einer ministerialen Sphäre sich vollzieht. Man wählt die Männer aus, die erwidern sollen –: dies ist mindestens so wichtig wie die Erwiderung selbst. Man selbst bleibt hübsch im Hintergrund. Man läßt die anderen sprechen. Man läßt – womöglich – Persönlichkeiten sprechen, die integer sind, Persönlichkeiten von Rang und Namen. Sie sprechen dann eine "Aufnahme", sie sprechen auf ein "Band". Man kontrolliert es dann, man korrigiert es dann und sendet es, wenn’s anders nicht mehr geht.

Es sprach der allen Lesern der "Zeit" einst vertraute Ernst Friedlaender, der – während des "Dritten Reiches" Emigrant – den Begriff "Sprachregelung" nicht kennenlernte. Und es sprach Fritz Sänger, Chefredakteur der "Deutschen Presse-Agentur", zugleich ein neues Mitglied des NWDR-Verwaltungsrates. Da hatte Dr. Grimme, Generaldirektor des NWDR, der hätte antworten müssen, es freilich leicht, im Hintergrund zu bleiben. Aber glaubt er etwa, daß er, indem er hinter Persönlichkeiten "volle Deckung" nahm, als Unschuldiger aus dem Kreis seiner Sünden, besser: seiner Versäumnisse, heraustreten könnte?

Wie schade, daß dies kein echter Zweikampf ist! Wir sollten in heller Wut auf Fritz Sänger und Ernst Friedlaender entbrennen, die am Montagabend um 19 Uhr über den Etat des Rundfunks sprachen und, wie es den Anschein hatte, gegen unsere Meinung auftraten? Wut? Diesen Gefallen können wir diesem Generaldirektor nicht tun. Offen gesagt: Sowohl Ernst Friedlaender als auch Fritz Sänger sind Männer, die wir hochschätzen. Auch deshalb, weil sie – obwohl vom Rundfunk aufgeboten – dennoch dasselbe kritisierten, was auch wir getadelt hatten: nämlich die Tatsache, daß es dem NWDR bislang nicht einfiel, Rechenschaft über die Verwendung der Hörergelder abzulegen. Bravo! Hier waren Angreifer und Verteidiger ein und derselben Meinung! Als aber in dem demonstrativen Zwiegespräch die Worte kamen, daß der Kritiker des Rundfunk-Etats "oberflächlich und ungenau" vorgegangen sei, da rührte sich beim Lauscher denn doch ein kleines Staunen. Sollten die beiden Gesprächspartner – oder mindestens einer – wirklich nicht erfahren haben, daß die Untersuchungen der "Zeit" über den Rundfunk-Etat auf unbezweifelbar echten Grundlagen beruhten?

Was an diesen Grundlagen noch fehlte, das – fürwahr – hat dieses Funkgespräch geliefert. Friedlaender stellte die Fragen, stellte höchst prekäre Fragen; und Sänger anwortete. So kam einmal mehr heraus, daß die absolut unproduktive Generaldirektion Grimmes jährlich rund fünf Millionen D-Mark verschlingt. Und was Fritz Sänger in seiner Verteidigung des Rundfunk-Etats mitteilte, gipfelte alsbald in Mitteilungen, die der schärfste NWDR-Kritiker nicht schärfer hätte darbieten können: Wir hatten angedeutet, daß die weithin überflüssige Verwaltungs-Macht-Abteilung des Rundfunks allzu kostspielig sei, gemessen an den geringen Gehältern und Honoraren der Leute, denen die Arbeit an den Mikrofonen obliegt. Und Sänger – jawohl, Sänger sagte das gleiche! Kurz nach der Geldreform – sagte er – kostete jede "Sende-Minute" 42 Mark; heute kostet sie nur 18 Mark. Was Sänger nicht sagte, hier sei es gesagt: Was der Verwaltung zugute kam, wurde dem Hörer abgezogen.

"Mathematik gut!" lobte im Mikrofon-Gespräch Fritz Sänger, als Ernst Friedlaender im Nu ausrechnete, wieviel der 25prozentige Anteil der Bundespost an der jährlichen Einnahmesumme des Rundfunks von 100 Millionen Mark ausmache. – "Mathematik gut", so mochte man dem Generaldirektor Dr. Grimme zurufen, der als Verteidiger seines Rundfunks zwei Männer wie Friedlaender und Sänger aussuchte, die – irren wir uns nicht – dies mit allem Vorbehalt ein einziges Mal taten, ein einziges Mal, und solange Grimme regiert, nicht wieder.

Josef Marein