] Nehmen wir einmal an, im Fernen Osten käme es zu einem amerikanisch-russischen Zusammenstoß. Könnte dann die amerikanische Luftwaffe die Bomber, die sie auf englischem, französischem oder deutschem Boden stationiert hat, in ihren Schuppen lassen? Und wie würden die Sowjets darauf antworten? Diese Perspektive, die man nicht auszumalen braucht, läßt es begreiflich erscheinen, daß London und Paris bei den jetzt in Korea zu treffenden Entscheidungen mitsprechen wollen. Das Recht auf Mitbestimmung zu einer Politik, die zu einem dritten Weltkrieg führen kann, wird auch dadurch nicht geschmälert, daß die größten Blutopfer in Korea von den Amerikanern gebracht werden.

Vieles deutet in der Tat darauf hin, daß die Kriegführung in Korea zu Entscheidungen drängt, die das Verhältnis Londons zu Washington, die Solidarität der Atlantikpakt-Mächte und die Einmütigkeit der UNO-Mitglieder schwer belasten könnten. Unkontrollierbare Berichte über „fremde“ Truppenkonzentrationen in der Mandschurei wurden in diesen Tagen von den Zensurbehörden des Oberkommandos der UNO-Streitkräfte in Tokio freigegeben. Darauf erklärte der Präsident des Repräsentantenhauses, der republikanische Abgeordnete Rayburn, nachdem er sich vorher im Weißen Haus mit Präsident Truman unterhalten hatte, die in der Mandschurei massierten Truppen seien „in einem verhältnismäßig großen Umfang nicht ausschließlich chinesische Kommunisten und Nordkoreaner“, und er zog daraus den Schluß: „Ich bin der Meinung, wir stehen einer schrecklichen Gefahr gegenüber, die zum Beginn des dritten Weltkrieges führen kann.“ Und zwei Tage später bestätigte Präsident Truman in seiner wöchentlichen Pressekonferenz diese Behauptung mit dem Ausspruch: „Mr. Rayburn ist ein vertrauenswürdiger Mann.“

Allerdings ist Mr. Rayburn dem Repräsentantenhaus, das dem unpopulären Gesetz über die Verlängerung der Dienstpflicht zustimmen soll, die Auskunft schuldig geblieben, woher er seine Informationen hat. Sollten sie aus dem Nachrichtendienst MacArthursstammen, so ist erfahrungsgemäß Mißtrauen am Platze, insbesondere was die Zahl der feindlichen Streitkräfte angeht. An sich wäre die Anwesenheit sowjetischer Truppen in der Mandschurei nichts Neues, und MacArthur erklärte auch am gleichen Tage, an dem seine Zensur die Meldungen über „fremde“ Truppen in der Mandschurei freigab, dem Korrespondenten des Daily Telegraph, er sei überzeugt, daß eine russische Intervention kaum erfolgen werde, auch wenn er die Häfen Chinas blockiere und die Nachschublinien „pulverisiere“. Man sieht, worauf er hinaus will. Moskau jedenfalls hat die Behauptungen Rayburns mit einer ungewöhnlichen Eile dementiert. Offenbar will der Kreml unter keinen Umständen einen Vorwand zur Bombardierung der Mandschurei liefern.

MacArthur seinerseits widerspricht sich selbst, wenn er jetzt eine sowjetische Intervention für unwahrscheinlich erklärt, nur um die Vollmacht zu erlangen, den Krieg auf chinesisches Gebiet auszudehnen. Denn noch am 7. März hatte er behauptet, Moskau habe Peking dreitausend (!) Flugzeuge – meist Düsenmaschinen – für die Frühjahrsoffensive geliefert. Neuerdings ist in den Meldungen aus Tokio von sechshundert bis tausend Maschinen die Rede. Mr. Rayburn erwähnte dreißig, und aus den Berichten von der Front geht hervor, daß sich die feindliche Flugwaffe bisher im wesentlichen darauf beschränke hat, das Grenzgebiet des Yalu gegen amerikanische Anflüge zu verteidigen. Doch sind wohl die Nachrichten über Flugzeuglieferungen ernster zu nehmen als die über „fremde“ Truppenkonzentrationen in der Mandschurei.

Aus alledem geht hervor, daß bisher keine Informationen vorliegen, die eindeutig genug wären, um es zu rechtfertigen, daß die Vollmachten MacArthurs erweitert werden. Ein Angriff auf die chinesischen Häfen und Nachschublinien außerhalb Koreas müßte höchstwahrscheinlich einen Gegenangriff auf die Versorgungshäfen und Schiffstransporte der UNO-Streitkräfte auslösen, die bisher völlig unbehelligtgeblieben sind. Ob Moskau in einem solchen Falle eine mehr oder minder offene Unterstützung, die man dort bisher sorgfältig zu vermeiden suchte, verweigern könnte, ist zum mindesten fraglich. Im Augenblick jedenfalls gibt es noch keine Anzeichen für einen Wechsel der sowjetischen Haltung, die das Risiko eines offenen Krieges rechtfertigen könnte.

Am wenigsten dürfte eine solche Entscheidung General MacArthur überlassen bleiben. Leider ist dies in gewissem Umfange bereits geschehen. Als die ersten Informationen über eine Konzentrierung von mehreren hundert Flugzeugen in der Mandschurei eintrafen, hat der amerikanische Generalstab eine Anweisung herausgegeben, die so lautet: Im Falle eines massiven Luftangriffes auf die UNO-Streitkräfte „ist es angebracht, zu handeln, wie es erforderlich ist“. Wie MacArthur eine so vage Instruktion gegebenenfalls interpretieren wird, kann man sich vorstellen. Bisher galt es als ausgemacht, daß Ziele auf chinesischem Gebiet nur nach Verständigung mit den vierzehn am Korea-Feldzug beteiligten Mächten angegriffen würden. Einstweilen ist von einer solchen Übereinkunft jedoch nichts bekanntgeworden. Gäbe es’sie, so wäre sie bestimmt veröffentlicht worden, schon um die Chinesen und die Sowjets zu warnen.

Sollte jedoch Grund zu der Annahme bestehen, daß die sowjetischen Vorkehrungen nicht nur defensive Vorsichtsmaßnahmen und Einschüchterungsmanöver gegen abenteuerliche Pläne MacArthurs sind, sondern daß die ernsthafte Absicht einer Intervention besteht, dann wäre es dringend nötig, erst einmal die Diplomaten sprechen zu lassen, um jedes Mißverständnis über die wahren Kriegsziele der UNO in Korea zu beseitigen. Clemenceau hat gesagt: „Der Krieg ist eine zu ernste Sache, als daß man ihn den Militärs überlassen könnte.“ Auch Präsident Truman hat das anscheinend erkannt. „Taktvoll, aber deutlich“ wies er Mac Arthur an in Zukunft politische Erklärungen zu unterlassen. Hoffentlich bleibt es aber nicht allein bei dieser negativen Weisung. Am Verhandlungstisch in Paris ist zur Zeit täglich-Gelegenheit mit dem stellvertretenden sowjetischen Außenminister eine ernste und offene Sprache zu sprechen.