Tarifkündigungen von Arbeitnehmerseite sind in fast allen Wirtschaftszweigen nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. So ist bei Kohle der gerade erst zum 1. November 1950 zum drittenmal erhöhte Satz von der IG Bergbau als nicht mehr verbindlich bezeichnet worden. Das wirft Fragen auf, die weit über das betriebliche oder auch volkswirtschaftliche und sozialpolitische Gebiet herausragen. Sie greifen mitten in den staatspolitischen Bereich. Wir meinen, daß die Kündigung der Lohntarife im Bergbau nicht aus einer Sorge um eine lohn- oder sozialpolitische Notlage der Bergleute heraus entstanden ist, sondern ganz schlicht und einfach (vielleicht sogar ganz nüchtern und brutal) eine der bereits in Aktion getretenen Kampfmittel der wirtschaftspolitischen Opposition gegen die Bonner und speziell die Erhard-Politik darstellt. Wir sind um so eher dieser Auffassung, weil wir die wissenschaftliche Kapazität der Berater für die allgemeine Gewerkschaftspolitik für viel zu klug und gut unterrichtet ansehen, um mißbrauchte Handlanger für offensichtlich falsche lohnpolitische Begründungen spielen zu müssen.

Die Industriegewerkschaft Bergbau hat also mit der Begründung die Löhne gekündigt, das Realeinkommen sei wieder einmal im Schwundprozeß. Zum Beweis werden, wie üblich (da wo es „paßt“), die Landes- und Bundesstatistiken auf dem Gebiete der Lebenshaltungskosten und des Realeinkommens bestritten. Sie seien auf falschen Voraussetzungen aufgebaut, wären folglich nicht wirklichkeitsnah – das alte Lied. Der Indexstreit ist wieder da. Zugleich aber – eben wie es „paßt“ – verschweigt man die eigenen sonst so gern publizierten Ergebnisse der gewerkschaftlichen Statistik auf diesem Gebiet. Diese besagen nämlich, daß die „Volksgruppe Industriearbeiterschaft“, diese allein, steigende Realeinkommen hat – natürlich nur, weil der DGB die Interessen seiner Mitglieder so gut vertritt; die Wirtschaftspolitik Erhards wird gar nicht genannt.

Betrachten wir die sozialpolitisch gefärbte neue Lohnforderung im Bergbau, in den realen Größenverhältnissen! Die Bundesstatistik gab Anfang vorigen Monats bekannt, daß die Monatsverdienste der westdeutschen Industriearbeiter (seit der Währungsreform) von 192 DM auf 311 DM im Dezember 1950 und die Stunden Verdienste in gleicher Zeit von 106,5 auf 146,9 Pf gestiegen sind. Der Ruhrbergbau zeigt folgende Entwicklung: Die Schichtverdienste betrugen (im Juni 1948) 10,14 DM und im Dezember 1950 13,53 DM. Der Monatslohn je Kopf erhöhte sich vom September 1948 laut Industriestatistik von Nordrhein-Westfalen von 234 DM auf 330,80 DM im Dezember 1950. In der Industriearbeiterschaft ging die Erhöhung von 169,90 DM je Kopf Monatslohn im September 1948 auf 230,80 DM im Dezember 1950 hinauf. Die gesamte in Nordrhein-Westfalen gezahlte Lohnsumme hatte im Dezember (1950) 500 Mill. überschritten, während im September 1948 noch nicht einmal 300 Mill. DM voll erreicht worden waren. Besonders kräftig sind die Steigerungen der Lohnsummen im Jahre 1950 gewesen. Da gleichzeitig die Lebenshaltungskosten auch nicht entfernt mitzogen, sondern im Dezember bei 150,2 (in Nordrhein-Westfalen) auf der Basis von 1938 gleich 100 lagen, war die Lohn-Preis-Schere gegen Ende 1950 geschlossen; für einige Berufe, so für den Bergbau, öffnete sie sich sogar zugunsten des Lohnes; andere waren dagegen noch etwas zurückgeblieben.

Die Lohnstatistik im Bergbau zeigt sogar, daß trotz der entgegengesetzt lautenden. Behauptung der Gewerkschaften im Oktober 1950. die Verdienste des Bergmannes an der Spitze aller anderen Löhne standen. Die falsche Darstellung der Gewerkschaften hatte sogar den Bundespräsidenten Heuss im Revier zu der Erklärung verleitet, der Bergbau müsse wieder an der Spitze aller Löhne stehen. Unter dieser falschen und damals leider nicht sofort zu widerlegenden Agitation wurde bereits zum 1. November jene folgenschwere Lohnerhöhung durchgedrückt, die bekanntlich zur Kohlenpreiserhöhung um 4,50 DM je Tonne und zu der anschließenden Eisen- und Stahlpreiserhöhung um 28,50 DM je Tonne (wobei noch andere kostensteigernde Faktoren gleich mit einbezogen wurden) geführt hatte.

Werden die Folgen einer neuen Lohnerhöhung im Bergbau die gleichen sein oder verstärken sie sich sogar unter der Lawinenwirkung einer progressiven Exportschrumpfung? Noch kann diese Frage nicht verneint werden. Im Bergbau sind zwar auch die Zechenleitungen an einer möglichst optimalen Ausstattung des Realeinkommens der Kumpels interessiert. Es wird aber in Korrektur zu den lohnpolitischen Behauptungen der Gewerkschaften beweiskräftig zum Ausdruck gebracht, daß zur Zeit das Realeinkommen der Bergleute nicht unerheblich über ihrem Realeinkommen von 1938 liegt. Im Bergbau wird daher zunächst einmal der verständliche Wunsch zum Ausdruck gebracht, die gewerkschaftliche Behauptung auf das genaueste zu untersuchen. Es liegt im ureigensten Interesse des Kumpels, daß er nicht durch ungerechte einseitige Forderungen seinen guten Ruf im deutschen Volk aufs Spiel setzt und als politisch willfähriger Querulant angesehen wird. Zudem gilt noch immer der Satz: Ungerechtfertigte Lohnerhöhungen schlagen zu den Preisen durch, heben sich also zumindest auf.

Daß die Zechenleitungen an einer weiteren Hebung der Einkommen ihrer 440 000 Menschen interessiert sind, hat erst kürzlich der Kost-Vorschlag der DKBL, ein Prämiensystem einzuführen, bewiesen. Die Gewerkschaften haben es abgelehnt. Sie wollen sich anscheinend das politische Macht- und Druckmittel, neuen Lohnstreik anzetteln zu können, nicht entgehen lassen. Hätten sie echtes und auf ihre arbeitssozialen Aufgaben konzentriertes Interesse, wären sie wohl verhandlungsbereiter gewesen.

Im Bergbau herrscht die Tendenz vor, keinesfalls den Kohlenpreis wieder in Bewegung zu bringen. Man möchte das Realeinkommen des Kumpels auf andere Weise verbessern. Eine noch-