Skandinavien wird nicht mehr lange Europas weiche Flanke sein, denn in allen drei Ländern hat die Aufrüstung begonnen. Die nun abgeschlossenen Rüstungsdebatten in Kopenhagen, Oslo und Stockholm haben erwiesen, daß alle Parteien, mit Ausnahme der Kommunisten, die Erhöhung der Wehrkraft fordern. Dabei betont man in Schweden nach wie vor, man lege Wert auf eine traditionelle Neutralitätspolitik. Das heißt: während die Atlantikpakt-Staaten Dänemark und Norwegen in eben jenem Pakt ein Instrument sehen, das einen neuen Weltkrieg verhindern soll, basiert die Außenpolitik Schwedens auf dem Gedanken, das Land im Ernstfall außerhalb eines Krieges zu halten. Dieser Unterschied in der Auffassung zeigt sich vielleicht am deutlichsten in den verschiedenen Ansichten über die deutsche Wiederaufrüstung: Oslo und Kopenhagen sind dafür. In Schweden hingegen fürchtet man, daß eine Remilitarisierung der Bundesrepublik den Konfliktstoff an der Ostsee nur vergrößern würde.

Schweden ist die einzige Ostseemacht, die heute in der Lage wäre, sich mit den sowjetischen Streitkräften mit einigen Erfolgschancen zu messen. Das Land verfügt über die drittgrößte Luftflotte der Welt, seine Marine dürfte das sowjetische Ostseegeschwader quantitativ ungefähr aufwiegen und qualitativ sogar noch übertreffen. Das Heer ist reorganisiert, unter besonderer Berücksichtigung einer eventuellen Invasion. Die Ausgaben für militärische Zwecke betragen heute das Fünffache der Vorkriegszeit, nämlich 1350 Millionen Schwedenkronen. Jeder Angreifer wird sich überlegen, ob er das Risiko auf sich nehmen soll, seine Kräfte an dieser Front zu verzetteln, die ihm zwar erhebliche Verluste, aber nur unerhebliche Vorteile einbringen könnte.

Die Stellung Dänemarks hinwiederum beruht auf seiner Beherrschung der drei Meerengen, des Kleinen und des Großen Belts und des Öresunds. Dies Land, das so gleichsam einen Riegel zur Ostsee bildet und sich daher des besonderen Interesses der Sowjets erfreut, ist nicht nur bestrebt, in allen drei Waffengattungen kampfbereite Einheiten aufzustellen – seine Anstrengungen gelten vor allem auch der zivilen Verteidigung, der Schaffung einer Heimwehr. Seit einiger Zeit werden amerikanische Waffen in den Häfen des Landes Tag und Nacht entladen. Die Küstenbefestigungen sind verhältnismäßig gut bestückt. Die Flotte besteht aus 73 kleinen, aber schnellen Einheiten. Zahlreiche große, während der deutschen Okkupation angelegte Flugplätze stehen den etwa 100 Flugzeugen von Armee und Marine zur Verfügung. Die größten Schwierigkeiten bereitet der Mangel an erfahrenem Instruktionspersonal. Deshalb werden neuerdings dänische Offiziere zur Ausbildung nach den USA abkommandiert. Der Reichstag hat für die Aufrüstung 300 Millionen Dänenkronen bewilligt. Denn die Abgeordneten wissen, daß ihr Land auf einem Schnittpunkt der strategischen Linien liegt. Ein neutrales Dänemark würde im Fall eines Krieges von beiden Gegnern als offenes Terrain betrachtet werden. Kopenhagen hat aus dieser Erkenntnis die Konsequenzen gezogen.

Norwegen wird von Eisenhowers Generalstab als besonders gefährdet angesehen, weil es die einzige Atlantikpakt-Macht ist, die eine gemeinsame Grenze mit der Sowjetunion hat. Deshalb begannen schon vor einem halben Jahr die amerikanischen Waffenlieferungen in Form von Maschinengewehren, Raketenwaffen und Flugzeugen. Bis Ende 1952 sollen jährlich 18 000 Mann für neun bis zwölf Monate zum Wehrdienst einberufen werden. Das ganze Land ist in vier Kommandodistrikte eingeteilt, mit je einem Verteidigungschef, der eigenmächtig operieren kann. Bei einem Invasionsversuch von See her will Norwegen die Verteidigung auf die Gebiete von strategisch wichtiger Bedeutung beschränken. Seine Flotte besteht aus fünf U-Boot-Jägern, 24 Torpedo- und Schnellbooten, 14 Eskortefahrzeugen und 22 Minenräumbooten.

So werden in allen drei skandinavischen Ländern die Verteidigungsvorbereitungen vorangetrieben. Sie sind nicht offensiv gegen den Osten gerichtet, sondern defensiv zur eigenen Verteidigung gedacht. Aber darüber ist man sich in allen drei Hauptstädten des Nordens einig: Der Defätismus ist und bleibt auch für Skandinavien vorläufig der gefährlichste Feind.

Engdahl-Thygesen