In einer reizenden Rede hatte vor kurzem Bundespräsident Professor Heuss 200 Delegierten des Theaters in Bad Ems den holden Schwindel ihrer Kunst bestätigt. Heuss kam schon als Junge dahinter, als er nämlich entdeckte, daß die Bank dieselbe blieb, ob nun Weislingen eine Liebeserklärung machte oder Götz von Berlichingen darauf starb. Der weise Humanist mit der Präsidentenwürde hielt vor dem Deutschen Bühnenverein eine Komödiantenrede. Er trat für das Unterhaltungsstück ein und brach eine Lanze für die deutschen Autoren, von denen ja einer auch mal ein dramatisches Korn finden könnte.

Vielleicht ist es ein Zufall, aber prompt setzt nach jahrelangen „deutschen Erstaufführungen“ eine Welle von „Uraufführungen“ ein. Deutsche Autoren haben das Wort. In Wiesbaden erschien ein Mysterienspiel „Der dunkle Reigen“ von Manfred Hausmann, in Wuppertal kam eine Tragödie „David vor Saul“ von Hans-Joachim Haecker heraus, in Bonn „Station Sieben“ von Jona Theisen und Georg Basner. Sogar in Remscheid meldete sich eine junge, mit viel Geschick und wenig Geld neu aufgezogene Bühne mit einer Uraufführung zum Wort: „Die überlisteten Ehemänner“ von Willi Schäferdiek, dem rheinischen Autor des „Jedermann 1948“, der ein wirksames Hörspiel und ein schwächeres Theaterstück zum Kölner Domjubiläum war. Schäferdiek steht an der Spitze des westdeutschen Autorenverbandes. Und dieser forderte vor einiger Zeit, daß die Subventionen an Bühnen von dem Prozentsatz ihrer Uraufführungen deutscher Autoren abhängig gemacht, oder besser: ein Teil der Theaterzuschüsse gleich den Autoren selbst gegeben werden sollte. Soeben setzte sich eine Anzahl leichtgewichtiger „Autoren“ dieses Verbandes in Düsseldorf mit mehreren westdeutschen Intendanten zusammen und überraschte diese mit der ominösen Mitteilung, „daß über 200 bühnenfertige Stücke heute noch in den Schubladen lägen“.

Am Tatort solch einer forcierten Uraufführung bekommt man bei aller Neigung zu Milde und Geduld doch Hemmungen gegen diese gut geredete Theaterpolitik. Auch Schäferdiek hat das berühmte Korn nicht gefunden. Immerhin bot seine shakespearehafte Dramatisierung einer Renaissancenovelle der Bühne den literarischen Ansatz zu überlegener Ironie mit komödiantischen Mitteln, zu symmetrischer Stilisierung pikanter Überkreuzverhältnisse und einer schmunzelnd auszuspielenden Komik. Wenn eine Bühne jedoch aus dieser Moralkomödie eine Posse macht und dem Autor nicht helfen kann, sondern ihn noch um seine Möglichkeiten bringt – dann sind solche Uraufführungen kein Verdienst.

Johannes Jacobi