Das Ei des Kolumbus im Hause

Irgend etwas ist es, was die Amerikaner – Kinder und Erwachsene – auf den ersten Blick von „Unsereinem“ unterscheidet. Eine gewisse Unbekümmertheit des Gehabens, ein – gelegentlich kopfschüttelnd – bewunderter Mut zur Buntheit. Und es sind noch einige Gegenstände, die sie mit sich führen und benutzen. Sie schlagen allen traditionellen Vorstellungen von diesem Gegenstand, sei es ein Kinderwagen oder eine Reisetasche, ins Gesicht, sie geben sich praktisch und unfeierlich und haben einen, man möchte sagen: selbstironischen Zug ins Komische, und wir seufzen, wenn wir sie uns näher ansehen, nicht ohne Neid: Amerika, du hast es besser!

Der Reiz der kleinen, von der Cultural Institution und dem Stuttgarter Landesgewerbemuseum gemeinsam arrangierten Ausstellung „Neues Hausgerät aus USA“ liegt in solchen kleinen und pfiffigen Erfindungen. Völlig überzeugend sind sie – selbst für hartnäckige Skeptiker gegenüber dem „Modernen“ – da, wo sie Arbeit erleichtern, Handgriffe ersparen und außerdem noch einwandfrei hübsch anzusehen sind, wie zum Beispiel Wäscheklammern aus Plexiglas, eine sehr haltbare „Wäscheleine“ aus rotem Kunststoff, wie die sonnengelben Emaillekessel und -töpfe, die das angestammte Küchenblau wohltuend ablösen, wie das luftgefüllte, schalenförmige Gummikissen, das eine Kuchenteigschüssel totsicher ansaugt und festhält. Und – schließlich – warum sollte man einen Säugling nicht in ein Plexiglasbettchen tun, durch das er die Welt ungestört betrachten kann und das außerdem so bequem sauber zu halten ist! Das Bemerkenswerte ist auch hier wieder die für uns erstaunliche Unbekümmertheit, man kann auch sagen: Konsequenz, mit der neue Materialien angewendet, schon bekannte neu, das heißt für andere Gegenstände verwandt, Formen der sich verändernden Lebensweise angepaßt werden. Über Zweckmäßigkeit wird hier eigentlich nicht mehr diskutiert, sie versteht sich von selber. „Unnütze Umstände“ will der Amerikaner nicht kennen. Jeder Gegenstand ist jedenfalls und zunächst zum Komfort, zur Bequemlichkeit des ihn Benützenden da. Die Tendenz ist: für den täglichen Gebrauch von heute und nicht für die nächsten tausend Jahre zu schaffen, also leichte, bewegliche, sichtbare Konstruktionen, Möbelformen, die sich aus dem Körperbau, Gegenstände, die sich formal aus der Handlichkeit und dem Bewegungsrhythmus des Menschen ergeben. Häufig sind Kombinationen von Stahl- oder Eisenrohr mit anderen Materialien, wie Sperrholz, Glas (für Tische), auch Polstern. Oft werden Polster durch neuartige und elastische Kunststoff-Geflechte ersetzt. Oder – höchst einfach und wiederum ein Ei des Kolumbus – durch eine dicht gewickelte, oben und unten arretierte Eisengarnschnur! Wir kennen diese Tendenzen aus dem Bauhaus. Die Entwicklung wurde bei uns unheilvoll unterbrochen. Was dabei an schon fast selbstverständlichen Einsichten in der Öffentlichkeit verlorenging, ist kaum wieder aufzuholen. Heute stehen bei uns einige unentwegte Avantgardisten massiven Vorurteilen und einer Massenproduktion antiquierter Greuel gegenüber. Es ist leicht einzusehen, daß die „emigrierten“ Bau-

New Yorks beliebter Broadway-Star Judy Holliday wurde in diesen Tagen für ihre schauspielerische Leistung in dem Film „Born Yesterday“ als beste Darstellerin des Jahres 1950 von der amerikanischen Filmakademie mit dem „Oscar“ ausgezeichnet. Der gleichzeitig gewählte beste männliche Schauspieler, Jose Ferrer, war bei uns in seiner hervorragenden Interpretation des Dauphin in dem Hollywooder Farbgemälde „Die Jungfrau von Orleans“ auf der Leinwand zu sehen. Aufn.: AP

hausideen in den USA auf fruchtbaren Boden trafen und fortgeführt und abgewandelt werden konnten.

Sicher ist diese kleine Schau eine ideale Versammlung von Gegenständen im Sinne modernen Wohnens. Es wäre wohl falsch, von ihr auf das alltägliche Gebrauchsgut der amerikanischen Konsumenten zu schließen. Irgendwo stößt offenbar auch dort dieses uns so bemerkenswerte Bedürfnis nach praktischer, humorvoll-bequemer Handlichkeit hart an das andere Bedürfnis nach romance, nach dem dekorativen Schnörkel und nach historischer Patina. Aber es scheint, als seien die Aussichten, einen unserer Zeit gemäßen Schönheitsbegriff zu entwickeln und die guten, modernen Gebrauchsformen auch in der breiteren Öffentlichkeit durchzusetzen, in der Neuen Welt günstiger als bei uns. Kyra Stromberg