Als Freund, Mitarbeiter und Vertrauter durch lange Jahre schrieb Friedrich Herzfeld dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler eine Biographie, die in jeder Hinsicht authentisch genannt werden darf. Sie gibt ein lückenloses Bild der Kunst und der Persönlichkeit Furtwänglers, wie er selbst sie sieht und gesehen haben will. Das Buch erschien jetzt in neuer, revidierter und ergänzter Auflage („Wilhelm Furtwängler, Weg und Wesen“; Wilhelm Goldmann Verlag, München, 238 S., 34 Abb., Leinen DM 12,50).

Die beiden Komponenten jeder Interpret tationskunst: sachliche Übertragung der Niederschrift in sinnliche Wahrnehmbarkeit und persönliches Temperament, machen es in ihrer wechselseitigen Durchdringung noch schwieriger, aus dem Vergleich der verschiedenen Interpretenerscheinungen objektive Größenmaße zu destillieren, als dies in bezug auf schöpferische Künstler schon ist. Herzfeld meistert diese Schwierigkeit durch ein ebenso verblüffendes wie einfaches Verfahren, indem er schlicht die Rechnung aufstellt: Hans von Bülow–These; Arthur Nikisch – Antithese; Wilhelm Furtwängler–Synthese. Was soviel heißt wie: Furtwängler ist die Summe aller Qualitäten, die in den bedeutendsten deutschen Dirigenten vor ihm nur getrennt vorhanden waren. Den Beweis dafür liefert er, indem er sich die Auffassungen seines Meisters über die Wiedergabe aller musikalischen Stile völlig zu eigen macht und – mögen sie in gewissen Fällen auch noch so umstritten sein – sie zu absoluten Gesetzen erhebt. Dabei kommen dann Angelegenheiten wie die stilgerechte Bach-Interpretation oder der künstlerische (nicht der geistige) Rang etwa der Brucknerschen Sinfonik schlecht weg. Und wie man sich nach Herzfelds Darlegungen einerseits fragen muß, ob die Welt vor Furtwängler Beethoven überhaupt richtig habe kennenlernen können, so wird man bange um das Schicksal Bruckners, wenn eines Tages Furtwängler dessen „Mangelhaftigkeiten“ nicht mehr mit seinem Zauberstabe in Vorzüge verwandeln oder durch Striche verbergen wird.

Zugegeben; es ist schwer, wenn nicht unmöglich, den objektiven Rang einer so subjektiven Sache wie der Interpretationskunst einer sehr eigenständigen Künstlerpersönlichkeit zu bestimmen, wenn nicht die Wiedergabeleistung am Wortlaut und Sinn der Werkaufzeichnung gemessen wird, sondern das Werk an der Meinung des Vermittlers. Es gibt auch zweifellos ein weites musikalisches Gebiet, in dem der Interpret Furtwängler den Objekten seiner Darstellungskunst so wahlverwandt ist, daß zwischen Sache und Person, zwischen Werk und Auffassung kein Spältchen der Fragwürdigkeit klafft. Das Gebiet der vorwiegend von Leidenschaft (auch geistiger) inspirierten Musik, der dynamischen im Gegensatz zur statuarischen, der ringenden im Gegensatz zur ruhenden. (Daß es völlig leidenschaftslose und dennoch höchst lebendige Musik gibt, wird Furtwängler niemals wahrhaben wollen.) Dies ist das Gebiet, innerhalb dessen auch die kritischsten Vertreter andersgearteter Temperamente mit der Masse des Konzertpublikums in der rückhaltlosen Bewunderung Furtwänglers übereinstimmen. Aber eben dann ist Herzfeld der Suggestion eines weltweiten Ruhmes erlegen, daß er seinem Meister den Rang eines nicht subjektiv, sondern objektiv „Einzigen“ anwies, des „Universellen“ schlechthin, neben dem die andern nur als Spezialisten dastehen.

Ein größeres Recht, sich eine Rangbestimmung leicht zu machen – nämlich das Recht der persönlichen Überzeugung –, hatte der Biograph zweifellos da, wo Werkschöpfer und Interpret in derselben Person vereinigt waren: bei dem Komponisten Furtwängler, dem er eine zeitlose Bedeutung zuerkennt oberhalb aller heutigen Gärungen und Experimente. A–th