Im „Théâtre de Paris“ wird zur Zeit von Roger Vitrac eine Komödie gegeben. Sie hieß zuerst „Die Passagiere des Kometen“, dann „Das Leben wie es ist“ und schließlich „Die Vogelscheuche“ (L’Epouvantail). Um aber das Publikum nicht von vornherein allzusehr abzuschrecken, trägt sie jetzt den Titel „Der Säbel meines Vaters“ („Le Sabre de man Pere“). Roger Vitrac vergnügt seit über fünfundzwanzig Jahren das Pariser Theaterpublikum mit seinen in grellbunten Farben aufleuchtenden tolldreisten Geschichten. Er hat den Ruf, der größte Spaßmacher des französischen Theaters zu sein.

Im „Théâtre de Paris“ gehen über ein Dutzend der besten Schauspieler von Paris in erlesenen Kostümen über eine entzückend ausgestattete Bühne. Sie treten auf, sie gehen ab, sie treffen sich wieder, um sich zu trennen und sich wieder zu finden, ganz nach der überlegen spielerischen Laune des Autors, wie in einem Comédie-Ballett. Jede Rolle singt ihre eigene Melodie und das Ganze ergibt doch ein lustig amüsantes Orchester. Ohne jede Handlung wirkt ausschließlich das Detail. Beim sinnlosen Kartenspielduell verbeißen – sich die hitzigen Gegner ineinander. Auf seine eigene Melone setzt sich der Spießer, weil er sie satt hat. Backpfeifen werden ausgeteilt, weil der andere sie einsteckt. Ein improvisierter Ringkampf im Wirtshaus zeigt dem kleinen Jungen plötzlich, daß es tatsächlich Leute gibt, die den eigenen Vater auf den Rücken legen. Der gute Großpapa vom Lande, in Bauernkittel und einer Wolke saftigen Knoblauchduftes, lehnt es ab, die Spielschulden seines Erben zu begleichen. Und über allem schwebt an der Wand: „der Degen, der Degen, das ist der Degen, den einst mein Vater trug“. Eine herrliche Offenbachiade. Alles spielt sich ab in einem kleinen verträumten Provinzstädtchen Frankreichs, im „Café des Pyramides“, im Hause der Dujardins und im Garten der Laborderies, im Jahre 1910, am 22. Mai, als der Halleysche Komet eben übers Firmament streicht.

Ein Kritiker bestätigte den Schauspielern, sie hätten gespielt „wie die Götter“, um zu fragen: „aber wo bleibt das Stück?“

Diese an sich lächerlich nebensächliche Frage mit ihrer Ablehnung ohne Begründung zeitigte eine erfreuliche Folge. Zufällig kam sie Jean Anouilh unter die Augen, der von dem anstrengenden Uraufführungserfolg seiner „Colombe“ im „Théâtre de l’Atélier“ und dem Ärger, den ihm die Kritiker dieser Satire auf Sarah Bernhardt, Edmond Rost and und das damalige Milieu bereitet hatten, Erholung in den Bergen suchen wollte. Ohne zu zaudern, griff er zur Feder und sekundierte seinem alten Schulkameraden Roger Vitrac. Er kaufe sich, schrieb er in der Theaterzeitschrift „Opera“, Zeitungen nur noch am Vorabend von Kriegserklärungen und Steuererhöhungen, um seine Nerven nicht unnütz mit Details zu belasten. Lediglich um nachzusehen, wie es jetzt mit der Lawinengefahr stehe, habe er sich die „Gazette de Lausanne“ gekauft und darin jene Kritik gefunden.

– „Mein Vater war Zuschneider, ein feiner, einfacher Mann, der sich auf sein Gewerbe wundervoll verstand, und darauf seinen ganzen Stolz und seine Ansprüche baute. Sollte mir in der Literatur etwas schief gehen, träumte ich immer davon, wenigstens ein so guter Handwerker zu sein wie mein Vater. Nun haben meine eigenen Kritiker mir das bestätigt: ich bin ein guter Fabrikant von Stücken. Ohne falsche Scham, ich verstehe sozusagen mein Metier. Zwanzig Jahre sind es nun her, seit ich das gute Volk von Paris amüsiere, indem ich den Schauspielern den Vorwand liefere, auf den Brettern den Hanswurst zu spielen, bloß damit 500 bis 600 Personen allabendlich ihre kleinen Alltagssorgen vergessen, drei Stunden hintereinander die Menschen nicht an ihre Plagen und den Tod zu denken brauchen. Das ist ein ganz anständiges und nützliches Metier. Dazu bedarf es gar keiner weiteren Verpflichtung. Wenn ich ein „Schriftsteller“ wäre, um Blätter zu beschmieren, um der Mitwelt meine kleinen Seelenzustände und meine ‚Sendung‘ zu vermitteln, dann würde ich rote Schande aufs weiße Papier schwitzen und ich glaube, ich würde eher zur großen väterlichen Schere greifen, die ich eingefettet irgendwo aufbewahre, wie andere ihren Ehrendegen. Wenn Sie mir also einräumen, verehrter Kritiker, mein Metier zu verstehen, so gestatten Sie mir, Ihnen, zu versichern: noch nie, habe ich von einem schlechten Stück reden hören, in dem die Schauspieler spielen ‚wie die Götter‘. Um spielen zu können wie ein Gott, braucht man einen guten Text. Unser Herrgott selber wußte das; denn er stützt sich auf einen ausgezeichneten Text, den größten Bucherfolg aller Zeiten.

Und das führt mich wieder zu dem Hauptpunkt des Herrn Kritikers aus. Lausanne: ‚wo bleibt das Stück?‘

Das ließ mich die Ohren spitzen und einige Ausführungen machen.