In Hamburg ging in der vergangenen Woche der erste Asservatenprozeß zu Ende; die Angeklagten wurden freigesprochen. In München und Frankfurt sind gleiche Prozesse angelaufen; der Freispruch der Angeklagten wird erwartet, In Hannover wurde ein Asservatenverfahren vor Beginn des Prozesses niedergeschlagen...

Asservat, so hieß es in einem Lexikon von 1885, ist „Aufbewahrtes“. Asservat, so muß die Ergänzung aus dem Jahre 1950 heißen, gleich: „Aufbewahrtes, das nicht mehr zu finden ist.“

Einst hieß es in einer Zollvorschrift des Deutschen Reiches, daß alle gefaßte Schmuggelware vernichtet werden müsse. Das war schlecht für die ratio, aber gut für die Moral. In der als „Reichsmarkzeit“ bekannten Ära nach dem zweiten Weltkrieg kam der Brauch auf, alle gefaßte Schwarzmarktware zu beschlagnahmen. Das war gut für die ratio, aber schlecht für die Moral. Das Asservat ward geboren. Es ward geboren, aber es war noch nicht herangewachsen. Noch war es klein und unschuldig. Und es dauerte noch lange Zeit, bis ein Spötter angesichts des Rathauses einer westdeutschen Großstadt sprach: „Sieh da, ein Asservatorium.“

Auf geheimnisvolle Weise war es soweit gekommen. Es fing, wie gesagt, damit an, daß seinerzeit das, was eben noch in der Schweinsledertasche eines Schiebers Camel oder Leica und in dem Einkaufsnetz der Hausfrau Markenbutter oder dänischer Speck gehießen hatte, in die Hände der Hüter des Gesetzes fiel und fortan nun den Namen Asservat bekam. Die Asservate wurden gesammelt, in einer Asservatensammelstelle. Und dann? Dann lagerten sie in der Asservatensammelstelle. Und dann? Dann lösten sich die vergänglichen Asservate, die einstmals Kaffeebohne oder Zigarette gerufen wurden, genau so wie die unvergänglichen Asservate, die man früher Gardinenstoff oder Auto nannte – dann lösten alle diese Asservaten sich auf in ein rätselhaftes Nichts.

Darum also ging es bei den Asservatenprozessen, die in diesen Wochen wie eine Epidemie in den Großstädten der Bundesrepublik grassieren. Und wenn diese Verfahren auch einen harmlos unverständlichen Namen tragen – wahrscheinlich um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen –, und wenn sie anscheinend auch stets mit dem Freispruch der Angeklagten enden müssen, weil nicht festgestellt werden kann, wer für die Asservate verantwortlich war, so haben diese Prozesse doch eines gezeigt: Was für gewisse Damen das Parfüm, war für gewisse Beamte offenbar das Asservat. Seine Anwendung verriet Kenntnis, seine Auswahl Geschmack. Der kleine Beamte – wohl bekomm’s! – mag sich am Abend nach getaner Arbeit ein Asservat in die Pfanne geschlagen haben; der höhere Beamte – Ehre seinem Titel! – sorgte dafür, daß der Boden eines Restaurants im Gebäude des Polizeipräsidiums mit kostbaren persischen Asservaten ausgelegt wurde, weil er leiser treten wollte und weil es dem Restaurant darauf ankam, „preismäßig in eine höhere Sonderklasse zu kommen“. Und höchste Beamte fuhren sogar, wie man hörte, in schnittigen Asservaten übers Wochenende ins Grüne, weil man sich im Komfort im Freien besser erholt als am preußisch-sauberen häuslichen Kamin. Jedem das Seine! Niemand, der bei der Asservatensammelstelle über die nötigen Beziehungen verfügte, scheint zu kurz gekommen zu sein.

Manch nicht ganz braver Staatsbürger, der in der Reichsmark-Ära schwarze Zigaretten rauchte, läuft heute mit einem Strafvermerk in seinen Papieren umher. Jene Staatsdiener aber, die ihm diese Zigaretten abnahmen, sie damit in Asservate verwandelten, und als solche ihrer Bestimmung zuführten, blieben unbescholten. Mit anderen Worten: Derjenige, der das einfache Vergehen beging, wurde bestraft. Derjenige, der das doppelte Vergehen verübte, kam davon. Minus mal minus ergibt plus – auch in der Asservatenalgebra. Aber die Kosten der Asservatenprozesse gehen nicht nur, wie es in der Hamburger Urteilsverkündung hieß, zu Lasten der Staatskasse, sie gehen auch zu Lasten der Staatsmoral. Claus Jacobi