Nun sind endlich jene Beschränkungen gefallen, die seit Kriegsende so schwer auf der deutschen Wirtschaft gelastet haben, und wir stehen am Anfang einer neuen Periode. Der Begriff „verboten“, der bisher eine so große Rolle in Deutschland spielte, ist aus dem Bereich der Friedenswirtschaft verschwunden und gilt nur noch für jede Art von Kriegsmaterial und jede Form vom Atomenergie.

Die Aufhebung der Industriebeschränkungen kommt in erster Linie dem Schiffbau zugute. Der Fortfall der Geschwindigkeits- und Größenbegrenzung wird den deutschen Reedern die Möglichkeit geben, konkurrenzfähige Schiffe für die Ozeanfahrt zu bauen, die in der Größenordnung zwischen 8000 und 12 000 to bei 16 Knoten Dienstgeschwindigkeit liegen dürften. Allerdings bleibt nach wie vor die Kontrolle der Gesamtkapazität der Handelsflotte bestehen, und auch in Zukunft wird die Erweiterung der Werft- und Dockkapazität, ja sogar die Modernisierung von einer alliierten Genehmigung abhängig sein. Erfreulich ist es dagegen, daß Deutschland in Zukunft eine eigene Walfangflotte aufbauen kann. Wenn dies auch nicht von heute auf morgen möglich sein wird, so besteht immerhin die Aussicht, in absehbarer Zeit Devisen einsparen zu können durch die Eigenproduktion von Waltran.

Die Tatsache, daß in den ersten Tagen nach Aufhebung der Schiffbaubeschränkungen sofort 200 000 BRT größeren und vor allem schnelleren Schiffsraumes in Auftrag gegeben wurde, ist ein Beweis für den Aufbauwillen und die Initiative von Reedern und Werften Offenbar haben die Werftleitungen Vorsorge getroffen, um ungeachtet des laufenden Export-Schiffbau-Programmes die deutschen Aufträge zunächst hereinnehmen zu können. Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß steigende Materialpreise und die begrenzte, noch kontrollierte Werftkapazität dem Schiffbau im Zusammenhang mit dem ungeklärten Finanzierungsproblem sichtbare Grenzen setzen.

Die Hydrierwerke für die Herstellung synthetischen Treibstoffes stehen im Vergleich zur Vorkriegszeit vor einer völlig veränderten Situation. Die Werke Wesseling bei Köln und Gelsenberg-Benzin verarbeiten seit längerer Zeit Erdöl und sollen zusammen mit den demnächst die Produktion aufnehmenden Dortmunder Paraffin-Werken und Scholven-Chemie bei Gelsenkirchen jährlich 2,8 Mill. t Nahost- und deutsche Erdöle raffinieren. Es ist im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht damit zu rechnen, daß die Werke wieder zur Hydrierung von flüssigen Kraftstoffen aus Kohle übergehen werden, da bei dem heutigen Kohlepreis das Verfahren nicht rentabel erscheint und überdies ein akuter Mangel an festen Brennstoffen besteht. Außerdem ist die Erdölgewinnung in der ganzen Welt so gestiegen, daß eine ausreichende Versorgung des Marktes mit Mineralölprodukten gewährleistet erscheint. Schließlich wird im Falle der sechs Fischer-Tropsch-Werke, die im Ruhrgebiet liegen, die Aufnahme der Produktion im wesentlichen eine Finanzierungsfrage sein, da die Werke nicht ohne weiteres Erdöl verarbeiten können. Zunächst ist auch dort weiterhin an die Herstellung von Hartparaffin und Vorprodukten für synthetische Waschmittel gedacht. Es ergibt sich also, daß die Freigabe der Herstellung von synthetischen Treibstoffen im Augenblick keine große praktische Bedeutung hat.

Was die Bunaproduktion anbelangt, so ist nach Ansicht von Fachleuten frühestens in vier Monaten mit der Aufnahme der Herstellung zu rechnen, da ein Teil der Anlagen demontiert ist und ein anderer Teil sich seinerzeit auf nicht verbotene Produkte umgestellt hatte. 1943 betrug die deutsche Bunakapazität 150 000 t jährlich, von denen die Hälfte in der heutigen Ostzone erzeugt wurde, die andere Hälfte in den drei westdeutschen Werken: Hüls, Ludwigshafen und Leverkusen. In den dort verbliebenen Restanlagen könnten heute rund 12 000 t Buna im Jahre hergestellt werden. Ein vollständiger Wiederaufbau würde eineinhalb bis zwei Jahre in Anspruch nehmen, jedoch hält man eine Produktion von etwa 20 000 t jährlich in Verhältnismäßig kurzer Zeit für möglich. Auch hier aber bilden der hohe Kohlenpreis und das Finanzierungsproblem die Hauptschwierigkeit. Die Erzeugung von synthetischem Ammoniak, Chlor und Styrol hingegen dürfte nach Aufhebung des Verbotes weniger schwierig sein.

Alles in allem hat der 2. April 1951 die deutsche Wirtschaft wieder einen bedeutsamen Schritt vorwärtsgebracht. Die Voraussetzung für eine volle Auswirkung der Erleichterungen ist jedoch die Regelung der Finanzierung, insbesondere die Ablösung kurzfristig vorfinanzierter Bauvorhaben. Zum anderen wird die Versorgung mit Rohmaterialien, vor allem mit Kohle, eine bedeutsame Rolle spielen. Auch in diesem Zusammenhang wäre die Herabsetzung der Kohlenexportquote zu wünschen.