Die zwei Jahre meiner Gefängnishaft sind noch nicht ganz um, aber mir sind drei und einhalb Monate erlassen worden, da ich zu den Mustersträflingen zähle, obgleich ich nichts dazu beigetragen habe, diesen Ruf zu verdienen.’ Ich werde also, wieder einmal in die weite Welt hinausgehend Zu welchem Zweck, da doch die meisten meiner Freunde im Gefängnis sitzen und mir die ganze Welt wie ein Gefängnis erscheint? Benjamin Disraeli, der große englische Staatsmann des neunzehnten Jahrhunderts, sagte: ‚Die meisten Menschen, die zur Verbannung oder zum Gefängnis verurteilt werden, geraten in Verzweiflung; der Wissenschaftler kann diese Tage zu den angenehmsten seines Lebens zählen.’ Das schrieb er über Hugo Grotius, einen berühmten holländischen Juristen und Philosophen, der zu lebenslänglicher Gefängnisstrafe verurteilt wurde, dem es aber gelang, nach zwei Jahren zu entfliehen. Er hatte in diesen zwei Jahren Philosophie studiert und sich mit literarischen Arbeiten beschäftigt. Es hat viele literarische Zuchthäusler gegeben. Die bekanntesten unter ihnen sind vielleicht der Spanier Cervantes, der den ‚Don Quichote‘ geschrieben hat, und der Engländer John Bunyan, der Autor der ‚Pilgerfahrt‘.

Ich bin kein Wissenschaftler und ich möchte nicht behaupten, daß die vielen Jahre, die ich im Gefängnis zugebracht habe, zu den angenehmsten meines Lebens zählen. Aber ich muß zugeben, daß Lesen und Schreiben mir wunderbar über die Zeit hinweggeholfen haben. Ich bin kein Literat, auch kein Historiker. Was bin ich eigentlich? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ich habe in vielen Dingen herumgepfuscht. Auf der Universität begann ich mit Wissenschaft, dann studierte ich Jura, und nachdem ich verschiedene andere Interessen gepflegt hatte, ergriff ich den weitverbreiteten Beruf eines Zuchthäuslers in Indien.

Du darfst das, was ich Dir in meinen Briefen geschrieben habe, nicht als das letzte Wort über irgendeinen Gegenstand auffassen. Ein Politiker muß immer auf dem qui vive sein, und er gibt immer vor, mehr zu wissen, als er in Wirklichkeit weiß. Man muß ihm scharf auf die Finger sehen. Meine Sympathien und Antipathien treten, wie Du siehst, klar zutage, wie auch meine Stimmungen im Gefängnis. Du darfst nicht alles für bare Münze nehmen, und es mögen sich viele Irrtümer in meine Berichte eingeschlichen haben. Ein Gefängnis, in dem es weder Bibliotheken noch Nachschlagebücher gibt, ist nicht der geeignete Ort, um über historische Themen zu schreiben. Ich habe mich größtenteils auf die vielen Notizbücher verlassen müssen, die sich bei mir angehäuft hatten, seitdem ich vor zwölf Jahren meine Gefängnisbesuche antrat. Viele Bücher sind mir auch hierher geschickt worden, und ich habe aus ihnen ohne Bedenken Tatsachen und Ideen entnommen. Du wirst nichts Originelles finden in dem, was ich geschrieben habe. Ich habe Dir nur die großen Umrisse gegeben. Das ist noch nicht Geschichte. Wenn Dich Geschichte interessiert, wenn Du etwas von dem Zauber spürst, der von Geschichte ausgeht, wirst Du leicht Bücher finden, die Dir helfen, die Fäden vergangener Zeiten zu entwirren. Aber Lesen allein genügt nicht. Willst Du die Vergangenheit erkennen, dann mußt Du sie mit Mitgefühl und Verständnis betrachten. Menschen, die der Vergangenheit angehören, dürfen nicht nach dem heutigen Maßstab beurteilt werden. Heute wird niemand für Sklaverei eintreten, und trotzdem hat der große Plato behauptet, daß Sklaverei notwendig sei. Wir können die Vergangenheit nicht vom modernen Standpunkt aus betrachten. Das wird ein jeder zugeben. Aber nicht ein jeder wird zugeben, daß es ebenso töricht ist, die Gegenwart nach dem Maßstab der Vergangenheit zu beurteilen. Die mannigfaltigen Religionen haben viel dazu beigetragen, alle Glaubenssätze verknöchern, die im Zeitalter und im Lande ihrer Entstehung von Nutzen gewesen sein mögen, die aber für die heutige Zeit wertlos und ungeeignet sind.

Wenn Du die Geschichte der Vergangenheit mit Mitgefühl betrachtest, werden sich die trocknen Knochen mit Fleisch und Blut füllen und Du wirst in jedem Zeitalter und jedem Klima eine mächtige Prozession, von Männern, Frauen und Kindern erblicken, die sich von uns unterscheiden und uns doch sehr ähnlich sind, die dieselben menschlichen Tugenden und dieselben menschlichen Gefühle haben. Geschichte ist kein Zauberschauspiel, und doch liegt viel Zauber in ihr für den, der Augen hat, ihn zu sehen. Unzählige Bilder aus der Galerie der Geschichte tauchen vor uns auf: Ägypten, Babylon, Ninive, die alten indischen Zivilisationen, die Arier kommen nach Indien und breiten sich dann über Europa und Asien aus, die Glanzleistung der chinesischen Kultur, Knossos und Griechenland, das kaiserliche Rom und Byzanz, der Triumphzug der Araber über zwei Kontinente, die Renaissance der indischen Kultur und ihr Verfall, die wenig bekannte Zivilisation der Maya und Azteken in Amerika, die gewaltigen Eroberungen der Mongolen, das Mittelalter in Europa mit den wunderbaren gotischen Kathedralen; der Islam kommt nach Indien und das Reich der Moguls, die Renaissance der Wissenschaften und der Künste im westlichen Europa, die Entdeckung Amerikas und die Seewege nach dem Westen, der Beginn des westlichen Angriffs im Osten, das Maschinenzeitalter und die Entwicklung des Kapitalismus, die Ausbreitung der Industrialisierung, die europäische Vorherrschaft und der Imperialismus und die Wunder der Wissenschaft in der modernen Welt.

Große Reiche sind entstanden, wieder gestürzt und für Tausende von Jahren in Vergessenheit geraten, bis ihre Reste aus dem Sand, der sie bedeckte, wieder ausgegraben wurden. Und doch haben viele Ideen die Zeit überdauert und haben sich als stärker und hartnäckiger erwiesen als jenes Reich.

Die Vergangenheit hat uns viel geschenkt. Alles, was wir heute an Kultur, Zivilisation, Wissenschaft und Erkenntnis der Wahrheit besitzen, ist ein Geschenk aus der fernen oder jüngeren Vergangenheit.

Es ist recht, daß wir unsere Verpflichtung der Vergangenheit gegenüber anerkennen. Aber wir sind auch der Zukunft verpflichtet, und vielleicht ist diese Verpflichtung noch größer als jene, die wir der Vergangenheit schuldig sind. Denn die Vergangenheit ist vorbei und erledigt, wir können sie nicht ändern. Aber die Zukunft liegt vor uns und vielleicht sind wir imstande, sie ein wenig zu formen. Die Vergangenheit hat uns einen Teil der Wahrheit offenbart. Aber die Zukunft verbirgt noch viele Einblicke in die Wahrheit und fordert uns auf, sie zu suchen. Aber oft ist die Vergangenheit eifersüchtig auf die Zukunft und hält uns fest umklammert, und wir müssen mit ihr kämpfen, um uns von ihr zu befreien und der Zukunft entgegenzugehen. Es heißt, daß Geschichte uns vieles lehren könne und ein anderer Ausspruch lautet, daß Geschichte sich nie wiederhole. Beides ist wahr, denn wir können nichts von ihr lernen, wenn wir erwarten, daß sie sich wiederhole oder auf demselben Fleck bleibe. Aber wir können etwas von ihr lernen, wenn wir in sie hineinlauschen und versuchen, die Kräfte zu entdecken, die sie bewegen. ‚Geschichte‘, sagt Karl Marx, ‚kennt keine andere Methode, Fragen zu beantworten, als indem sie neue stellt.‘ “

Aus dem Englischen (Encore Ed. Saturday Review of Literature 1946, New York) übertragen von Hanns Edgar Zapp.