Von Willy Beer

Berlin, im April

Bisher hatte ich geglaubt, der Sport sei eine Angelegenheit für junge Leute oder höchstens für solche „älteren Semester“, die mit ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen wüßten, Seitdem ich jedoch in Berlin die „Deutsche Sport-Ausstellung“ am Funkturm gesehen habe, bin ich verpflichtet, allen Hochmut fahren zu lassen – aber auch allen unnötigen Respekt. Das liegt nicht nur daran, daß die steinernen Skulpturen, die Reliefs, die überlebensgroßen Montagen von antiken Standbildern, mit bedeutenden Zitaten griechischer Philosophen und deutscher Wissenschaftler graphisch höchst effektvoll garniert, uns mit dem Sehnsuchtsziel unserer klassischen Bildung verbinden. Es liegt auch daran, daß wir durch diese Ausstellung erkennen, wie sehr der Sport eine Macht in unserem Leben geworden ist.

Weil Statistik in jedem Lebensgebiet imponierend ist, erfahren wir aus großen Diagrammen, daß beinahe zehn Millionen Deutsche sportlich organisiert sind. Und sicherlich gibt es mindestens noch einmal so viele Deutsche, die ganz für sich und ohne daß es die Sportverbände wissen, Tennis spielen, durch den Wald laufen oder Kniebeugen machen. Falls uns aber diese heimliche Potenz der Läufer, Schwimmer, Spieler und Ruderer noch nicht bewegen sollte, wird es vielleicht die respektable Zahl von drei Milliarden Mark tun: so viel nämlich – das rechnen uns die Experten aus – beträgt der jährliche deutsche Umsatz, der auf das Konto Sport geht.

Das ist natürlich für jeden Zeitgenossen der Augenblick, mit Augurenlächeln das Zauberwort unserer Zeit – „Toto“ – auszusprechen. Aber die Sportstatistiker in den Berliner Funkturmhallen wissen es besser: 500 Millionen Mark fließen – das geben sie zu – durch den Fußballtoto jährlich dem wirtschaftlichen Leben zu, und eine weitere halbe Milliarde strömt von den Pferderennen über die Buchmacher. Aber die anderen zwei Milliarden? Dies sind die Werte, die durch die „Sport-Industrien“ geschaffen werden. Und eben da beginnt das große Staunen. Der Sport ist, wie man dies in sechs großen Hallen ergiebig studieren kann, komfortabel geworden. Er ist ein wesentliches Stück des Lebensstandards von heute; er ist es selbst dann, wenn wir etwas weniger großzügig „Sport“ nennen, was alles die „Deutsche Sport-Ausstellung“ souverän dazu rechnet. Denn geben wir doch unumwunden zu, daß wir den Umgang mit großen Luxusjachten aus Mahagoniholz mit ihrer polstrigen Inneneinrichtung und ihrer „Kajütenbar“ für weniger sportlich halten als die Übung in schlanken, schmalen, schnittigen Ruderbooten! Dies um so mehr, als wir uns durch ein Schaubild überzeugen ließen, daß die Ruderer die saubersten und umfangreichsten Lungen haben. Meine eigene unter sportärztlicher Aufsicht vorgenommene Probe am Lungenprüfungsapparat rangierte mich übrigens noch unter den Lungenschwächsten aller Sportler – was mich nach Ansicht des Arztes allerdings keineswegs unfähig macht, ein respektables – Motorboot zu steuern, vorausgesetzt, daß ich das Jahresgehalt eines Ministers zufällig dafür flüssig hätte... Doch die Faltboote! Besonders hatte es vielen Besuchern ein Schlauchboot angetan, das ein freundlicher Herr in ein paar Sekunden zu einem Stück Gummi in seiner Aktentasche zusammenschrumpfen ließ.

In einer großen Halle drängte sich das schauende Publikum am dichtesten: vor den glitzernden Rennwagen, den Rekordmaschinen. Symbole der modernen Zeit! Und da wir bei der „Moderne“ sind –: dort hing der „Gleiter“ Lilienthals von der Decke herunter. Und Dutzende von Segelflugmodellen waren zu sehen, und die Jungen blickten mit heißen Augen, die Jungen, denen man gestern eingeredet hat, sie sollten „ein Volk von Fliegern werden“, und sie träumten gierig und sehnsüchtig den Traum, wieder fliegen zu können – und sei es auch ohne Motor. Ja, vom Fliegen war viel auf diesem Platz zu sehen: in Büchern vor allem ... Aber auch die vielen Zelte, die der Jugendherbergsverband oder die Sportfirmen aufgebaut haben, stimmen gerade in Berlin ein bißchen wehmütig, denn es zeltet sich wohl schlecht zwischen den Häusern und auf Promenaden, wenn man genötigt ist, seine Fahrten an der Berliner Demarkationslinie zu beenden.

In der größten Halle wird gepfiffen, geschrien, gejohlt, gerufen, gerannt. Dort spielen sie Hockey, Handball, Basketball, Radball, dort schwingen sie sich auf Barren und an Recks, dort boxen und ringen sie. Dort sind die Sportler in Aktion – und ihr Publikum. In einer andern Halle, im eleganten „Marshall-Haus“ am Funkturm, surren von mittags bis abends die Filmgeräte. Unerschöpfliche Bilderfolgen begeistern für die Schönheit des Reitens, die Dramatik des Fußballs, für die Ästhetik des Turnens, begeistern für alles überhaupt, was Sport ist. Und davor sitzen sie zu Hunderten und Tausenden, jeden Tag andere Menschen, vierzehn Tage lang.

Als ich die Hallen am Berliner Funkturm wieder verließ, wurde gerade der zwölf tausendste Besucher gezählt. Das war am ersten Tag. Wir Menschen von heute sind beinahe eine Menschheit von Sportlern, ohne daß wir es merken...