Sprechen wir von surrealistischer Malerei und Graphik, so sprechen wir von Max Ernst. Er hat als erster alle charakteristischen Elemente dieser Kunst selbständig erfahren, erlebt und erarbeitet und seit 1921 dem literarischen Pariser Freundeskreise der André Breton, Paul Eluard und Genossen zugeführt, aus dem unter seiner Mitwirkung 1924 das erste surrealistische Manifest hervorging.

Der vor sechzig Jahren in Brühl bei Köln Geborene kam ohne jede akademische Ausbildung zur Kunst. Sein selbständiger Gestaltungsdrang wir so unausweichlich, daß er das Kunstgeschichtsstudium in Bonn bald an den Nagel hängte und schon 1913 in Bonn und Berlin ausstellen konnte. Freundschaft verband ihn damals vor allem mit August Macke und Paul Seehaus. Bis zum Krieg, den Ernst an der Westfront mitmachte, bewahrte der Stil seiner Bilder einen an Grünewald und Greco erinnernden Expressionismus. „Max Ernst starb am 1. August 1914. Er erlebte seine Wiederauferstehung am 11. November 1918 als ein junger Mann, der danach trachtete, ein Magier zu werden und den Mythos seiner Zeit zu finden.“ So hat er selbst es geschildert.

Das fand von 1919 bis 1921 in Köln und im Düsseldorfer „Jungen Rheinland“ seinen Ausbrach im Dadaismus, den Ernst gemeinsam mit seinen Züricher Gründern Hans Arp und Tristan Tiara auch für Westdeutschland proklamierte – revolutionäre Kraftentfaltung und Jugendsünde des werdenden Surrealismus. Doch magnetisch zog Paris, wo 1920 die erste Ausstellung von collages gezeigt wurde und wo die meisten Freunde und Gesinnungsgenossen lebten. Dort trat 1924 „la revolution surréaliste“ in das Licht der Öffentlichkeit. Dort auch entfaltete sich sein Ruhm und drang weit über nationale Grenzen hinaus.

Für die Nationalsozialisten gehörte er zu den Bestgehaßten. Ihrer Drohung ist es zuzuschreiben, daß der zum Franzosen gewordene Rheinländer 1941 aus einem Internierungslager nach New York entwich. In den USA fand er André Breton wieder, gewann den Wettbewerb einer Filmgesellschaft über das Thema „Die Versuchung des Heiligen Antonius“ und wirkte entscheidend mit an Hans Richters surrealistischem Film „Dreams That Money Can Buy“. Seit 1946 lebt Max Ernst – jetzt amerikanischer Staatsbürger – mit seiner jungen Frau, der surrealistischen Malerin Dorothea Tanning, in der großartigen Einsamkeit der Berglandschaft Arizonas. Paris begrüßte den Klassiker des Surrealismus im Jahre 1950 wieder und bereitete ihm durch die repräsentative Ausstellung in der Galerie Grouin ein eindrucksvolles come back.

Das Werk dieses Künstlers trägt sowohl in seinem entwicklungsgeschichtlichen Verlauf wie in jeder Einzelheit das Signum einer halluzinatorisch-nachtwandlerischen Notwendigkeit. Es zehrt von frühen magischen und okkulten Jugenderlebnissen, ja von dem mystischen Glauben an ein Leben vor der Geburt.

Dieser Surrealismus ist nichts anderes als ein Realismus höheren Grades, der hinter den Vorhang unserer rationalen Ordnungen zu blicken und uns zu schildern vermag, wie es im Reich des Elementaren aussieht. Er hat es dabei nicht nötig, sich um ästhetische Postulate abstrakter, konkreter oder sonstiger Art zu kümmern. Er vollzieht lediglich den Akt der Seins- und Selbstverwirklichung und ignoriert hierbei ausdrücklich „das Märchen vom Schöpfertum des Künstlers“, wie Max Ernst es geringschätzig ausgedrückt hat. Das Ergebnis – ein Kosmos, überquellend von Mischformen aus menschlichen, tierischen, pflanzlichen, mineralischen und technischen Existenzen, phantastisch in der irrationalen Begegnung und Koordinierung einander scheinbar wesensfremder Dinge, trotzdem gezeichnet oder montiert mit der präzisen Sachlichkeit eines Protokolls, gemalt in klar leuchtender Farbigkeit – bleibt für den Verstand oft rätselhaft, zieht jedoch Gefühl und Phantasie des Beschauers unwiderstehlich in seinen suggestiven Bann.

Ist diese Kunst „literarisch“? Nein, denn die Erzählung ist nicht nur fern jeder Banalität, sondern sie wird auch mit unfehlbarer Sicherheit in der Beachtung der formalen, malerischen, zeichnerischen, plastischen Gesetze übermittelt. Die Magie der bildnerischen Suggestion ist der Magie der Darstellung adäquat; das Bild gelangt wieder zu echter Aussage, und zwar gerade’ durch das Medium seiner Kunst.

Diese poetische Aussage ist von großer Vielfalt: heiter und spielerisch, ironisch und träumerisch, sinnlich und abstrakt, ruhig und erregt, urtümlich und raffiniert, schwebend und lastend, ruhend und eilend, betörend und unheimlich, faszinierend und furchterregend, diesseitig und jenseitig. Sie hat sich über einen romantischen Lyrismus, über barocke Dynamik, über einen hintergründigen Symbolismus, über die Phantastik eines Grünewald und eines Rousseau, über kubistische Abstraktionen zu einem Spätstil gepanzerter Verschlossenheit, sinnbildlicher, idolhafter Zeichen von erschütternd vereinfachter Ausdruckskraft entwickelt. Lothar Pretzell