Von Jofef Marein

Jener alerte junge Mann, der im Vorzimmer des NWDR-Generaldirektors sitzt und der neulich sich in der „Zeit“ nicht gelobt fand, gab dem spontanen Gefühl des Ärgers, das ihn gegen den Kritiker des Rundfunks überkam, so Ausdruck: er hätte ihn am liebsten niedergeschlagen ... Nun entspricht die Methode ‚Faust gegen Feder‘ ja zweifellos den Sitten moderner Polemik. Verwunderlich ist nur, daß es sich bei diesem streitbaren Mitglied der Generaldirektion zwar nicht um einen Funkfachmann (wie käme er auch sonst dorthin?), aber um einen Konsistorialrat handelt: der hat über das Thema Nächstenliebe gewiß nicht promoviert und vermutlich seinen Luther falsch verstanden. „Dem Volke aufs Maul schauen“, sagte Luther. Aber „dem Volke aufs Maul hauen“ – sagte Luther nicht.

Freilich, die Drohung ist nicht der Mühe wert, der Drohende auch nicht. Warum wir’s nicht verschweigen? Darum nicht –: Die Leute, die hinter den generaldirektorialen Aktenbergen wohnen, streuen nicht nur Drohungen, sondern auch Einwendungen aus, die zu Mißverstandnissen werden. Und ihre Drohungen zeigen, was ihre Einwendungen wert sind. Sie wenden beispielsweise ein, es fehle den Angriffen der „Zeit“ gegen den NWDR an „Linie“. Sie möchten lauthals „Bravo“ rufen, steht gegen Professor Raskop, den vorigen Vorsitzenden des NWDR-Verwaltungsrates, etwas geschrieben. Da aber an dieser Stelle auch gegen Professor Dovifat etwas geschrieben stand, den heutigen „Verwaltungsrats“-Vorsitzenden, der ein Gegner Raskops ist, so fragen sie: ‚Wo ist die Linie?‘ Sie sollten lieber fragen, wo die Wahrheit liegt! Und die Wahrheit ist, daß beide Männer, der eine wie der andere, dem Rundfunk schweren Schaden gestiftet haben, indem sie – wenn nicht sogar dafür sorgten – zumindest nicht verhinderten, daß ihr „Verwaltungsrat“ in angemaßter Macht die Arbeitsfreude und die Arbeitskraft der Funkschaffenden einschränkt. Wobei auch der Generaldirektor Dr. Grimme sich nicht als der Mann erwies, der Manns genug ist, hier Abhilfe zu schaffen. Der hat noch stets – bedrängt von den Anforderungen des Tages – den Weg des geringsten Widerstandes eingeschlagen: er hat noch stets nicht gegenüber dem „Verwaltungsrat“, sondern gegenüber den Programm-Schaffenden sich stark gemacht. Und auf diese Weise ist denn der NWDR das geworden, was er heute ist: ein technisch mächtiges Unternehmen ohne entsprechende politische und kulturpolitische Bedeutung, ein Mammutbetrieb, der zwar Häuser baut – zum Beispiel ein Sendehaus in Hannover für fünf Millionen Mark –, aber kein haltbares Dach errichtet für die deutsche Kultur. Der NWDR – ein Gebilde ohne Knochen, eine riesige, schillernde Qualle.

Zugegeben, das sind sehr schwere Vorwürfe, die – wären sie nicht wahr – sehr wohl den Zorn der Vorzimmermenschen verdienten. Sie sind aber leider wahr und daher gottlob beweisbar. Daher ist es sowohl notwendig, als auch möglich, aufzustehen und die Öffentlichkeit darauf hinzuweisen. Und dies zu tun, das war und ist die „Linie“ der Kritik der „Zeit“.

Der Vorgänger Dr. Grimmes als eine Art von Generaldirektor war Hugh Carlton Greene: ein Controller, aber auch ein Anreger, ein Mann, der als Engländer die Deutschen vielleicht in vielen Punkten nicht verstand, aber wenigstens ein Funkfachmann war; das muß man ihm lassen. So kam es, daß manche Sendungen Ärgernis erregten. Interessant aber waren sie eigentlich immer. Als er den NWDR in deutsche Hände übergab, da durfte man erwartungsvoll gespannt sein, was kommen würde. Es kam Grimme; es kam ein einst kulturpolitisch und pädagogisch verdienstvoller Mann, der diesmal prompt versagte. Und hier schon ein sehr bezeichnender Unterschied: Hugh Carlton Greene hatte auf seinem Platz die Hilfe von vier Mitarbeitern benötigt; Grimme braucht heute deren 228 ... Und hier der Gesamt-Etat der Generaldirektion: mehr als fünf Millionen jährlich! Sobald diese in der „Zeit“ vormals schon zitierte Zahl publik wurde, da beeilte sich der Rundfunk, mitzuteilen, daß davon nur eine halbe Million für die „Verwaltungszwecke‘ der Generaldirektion diene; die übrigen im Etat stehenden viereinhalb Millionen kämen mittelbar oder unmittelbar dem Programm zugute. Ist dies richtig – und wir wollen es nicht bezweifeln –, so ist auch das andere richtig: die Generaldirektion, obwohl wesentlich aus Nichtfachleuten des Funks zusammengesetzt, mischt sich in die Programmarbeit der Intendanten ein. Das heißt: Auf dem Umweg über die Generaldirektion herrscht der „Verwaltungsrat“, dessen Mitglieder, da sie vornehmlich Vertrauensmänner des politischen Lebens sind, fürwahr nicht nach dem Gesichtspunkt ausgesucht sind, ob sie etwas vom Rundfunk verstehen.

Wir wollen durchaus zu ihrem Besten annehmen, daß die Mitglieder des Verwaltungsrats und Dr. Grimme und die Mehrzahl seiner Mitarbeiter nichts vom Rundfunk verstehen, denn verstünden sie etwas, dann handelten sie ja aus bösem Willen! – Die „Zeit“ hat in vorigen Aufsätzen über das gleiche Thema ausgeführt, wie sehr die Personalpolitik innerhalb des Rundfunks beherrscht wird durch Intrigen, wie sehr das Wirtschaftsgebaren beherrscht wird durch Verwaltungsallüren. Über das, was der NWDR in Sachen der Politik verkündet und mehr noch: was er hier verschweigt, darüber würde noch vieles zu sagen sein. Flüchtlinge äußerten beispielsweise – dies nebenbei –, daß sie, um aus der Sowjetzone etwas zu erfahren, den Sender Leipzig hören müßten. Wir wollen an dieser Stelle nur einen Punkt aus allen kritischen Punkten herausgreifen, um ganz deutlich zu sagen, wo der Standort, wo die angeblich so unklare „Linie“ unserer Kritik ist: Der NWDR, der jährlich 81 Millionen kassiert, ist das einzige Kulturunternehmen Nord Westdeutschlands, das Geld hat, viel Geld! Auch wächst monatlich die Hörerzahl um 20 000; und da neulich die Lautsprecher in jedem nordwestdeutschen Haus intensiv an das Ethos der Schwarzhörer appellierten, haben Hunderttausende von heimlichen Genießern sich „ehrlich gemacht“; sie zahlen insgesamt über eine Million. Alles in allem: die Einnahmen wachsen weiter. Zur selben Zeit erklärt der Rundfunk, daß er sparen müsse. Wo aber, an welchem Ende, spart er? An dem Ende, an dem die Autoren, die Funkschaffenden stehen! Stolz läßt die Generaldirektion verkünden, es sei gelungen, die Kosten pro Sendeminute von 42 DM nach der Währungsreform auf 18 DM im Durchschnitt zu senken. Nun braucht gewiß nicht jede billige Sendung schlecht zu sein; eine der besten Sendungen der letzten Wochen, der Bericht Ernst Schnabels über seinen Weltflug, hat (und darin sind natürlich auch alle Ausgaben für die Technik enthalten) nur acht Mark pro Sendeminute gekostet – auch dies nebenbei. Die Tendenz geht danach, an den Honoraren und Gehältern der Funkschaffenden, der Menschen am Mikrophon, das einzusparen, was anderswo verwirtschaftet wird. (Noch einmal: der Bau des Funkhauses Hannover kostet fünf Millionen.)

Den Bühnen in Nordwestdeutschland geht es schlecht, die Zeitungen haben bei verdoppelten Papierpreisen alle Mühe zu bestehen. Überall in der Industrie werden Gehälter und Löhne erhöht, weil die Kosten der Lebenshaltung steigen. Die Kulturschaffenden aber, die Dichter, Schriftsteller, Musiker, die Darsteller und Sprecher, sie können sehen, wo sie bleiben. Ein Beispiel: Der Etat eines künstlerischen Abteilungsleiters im NWDR, dem früher für Honorare mehr als 100 000 Mark zur Verfügung standen, wurde neuerdings auf 70 000 Mark monatlich gesenkt. Und das unter der Ägide eines Generaldirektors, der einmal Kultusminister war und der einst in sehr klugen Worten formulierte, was Kultur bedeutet!