Von unserem österreichischen Korrespondenten

H. M. W. Wien, Mitte April

Zwei Jugendliche, der eine groß, der andere klein, sind wegen mutwillig angerichteten Schadens vor den Richter gekommen. Der verurteilte zuerst den Großen, und da er nicht zahlen kann, wird sein Mantel versteigert. Da will der Kleine wissen, wieviel er von dem Erlös bekommen soll. „Wieso“, staunt der Richter, „hast du nicht auch...“ Sagt der Kleine, gelassen: „Aber ich bin doch Österreicher Setzt man statt „Mantel“ „deutsches Eigentum“, sind wir mitten in der Kontroverse über den deutschen Besitz in Österreich.

Es gab einmal Juristen, die ernstlich annahmen, diese Frage könnte rechtlich automatisch gelöst werden. Fatal war nur – wie sich beim Studium des Problems herausstellte –, daß weder dieHaager Landkriegsordnung, noch das in Österreich gültige Gesetzbuch (ABGB) einen solchen Fall jemals vorausgesehen hatten. Den Fall nämlich, daß ein Land zunächst von seinem Nachbarn besetzt wird, dann von vier anderen Mächten befreit und besetzt wird, schließlich die Besetzer II, III. IV und V das Vermögen des Besetzers I beschlagnahmen, und in drei Besatzungszonen – der Westalliierten – dem besetzten, befreiten und wiederbesetzten Land zur treuhändigen Verwaltung übergeben.

Rein rechtlich ist also vorläufig keine Lösung zu finden. Das hat auch Wiens Außenminister erkannt. Er wies darauf hin, daß der Augenblick nicht gekommen sei, eine Entscheidung herbeizuführen (die letzthin nicht auf der juridischen, sondern auf der politischen Ebene liegen, wird), und daß vorläufig „jede Verfügung über die Substanz den Besatzungsmächten vorbehalten sei“.

Wie steht es nun praktisch um die deutschen Vermögenswerte? Hier haben wir drei verschiedene Möglichkeiten:

1. Deutsches Eigentum, dessen Besitzer in Österreich leben. Es handelt sich meistens um Realbesitz, die Eigentümer sind in ihren Rechten kaum mehr eingeschränkt; ein großer Teil besitzt nun die österreichische Staatsbürgerschaft.