Von Jan Molitor

Ernst von Salomons Fragebogen seit langem (auch durch die "Zeit") angekündigt, ist soeben bei Rowohlt erschienen: der hat zunächst nur zehntausend Exemplare aufgelegt; das fast tausend Seiten starke Buch kostet 19,80 DM; dennoch haben die Buchhändler ihre Bestellungen verdoppelt. Der Aufruhr kann beginnen

In fester Überzeugung, daß dieses Buch große Begeisterung und großen Anstoß erregen wird, in sicherer Voraussicht auch, daß viel von diesem Beifall und viel von diesem Tadel auf Ressentiments und Mißverständnissen beruhen wird, sei hier eines verzeichnet: Wenn es in den letzten Jahrzehnten ein deutsches Buch gegeben hat, das erregend ist, dann dies! Denn dies ist nicht nur ein Buch, das man, wie man so sagt, mit brennendem Interesse liest; dies Buch brennt wirklich. Mancher wird sich die Finger daran verbrennen. Und da dies Buch so schön wie gefährlich ist, wollen wir seinem Autor wünschen, daß ihm nicht allzuviel Beifall von der falschen Seite zuteil werde, nicht allzuviel Zustimmung von denen, die er zurückweisen müßte und die er – das wissen wir ganz genau – zurückweisen wird.

Woher wir das wissen? – Vor Jahren, in Kampen auf Sylt, kam Ernst von Salomon fast atemlos ins Zimmer gestürzt. "Man sollte", sagte er, "den großen Fragenbogen der Amerikaner ganz genau, ganz ehrlich beantworten", und er schilderte erregt, wie man dies machen müßte. Der Hausherr, Hans Zehrer, sog ruhig an seiner Pfeife und erwiderte dies und jenes. Salomon, der sich durch die Teilnahme am Rathenau-Mord politisch – oder auch kriminell – und literarisch durch die beiden Bekenntnisbücher "Die Kadetten" und "Die Geächteten" bekannt gemacht hat, wollte also wiederum ein biographisches Werk schreiben. Plötzlich sagte Zehrer – und diese hellsichtige Erkenntnis frappierte mich ungemein –: "Wenn Sie den ,Fragebogen‘ schreiben, so werden Sie die Geschichte der ersten fünfzig Jahre unseres Jahrhunderts schreiben." Dies und der Titel standen vom ersten Augenblick an fest: "Der Fragebogen." Kein Roman also. – Wir gingen am Watt entlang, und Salomon sagte: "Das Buch wird ein Teppich sein, geknüpft aus Fäden aller Art."

Salomon war damals aus einem amerikanischen Internierungslager entlassen worden. Obwohl er nicht in der NSDAP und nicht in der Wehrmacht gewesen war, hatte man ihn verhaftet, und als er nach schlimmen, sehr schlimmen Erlebnissen endlich freigelassen wurde, erfuhr er den Grund sowohl seiner Verhaftung als auch seiner Entlassung: "Verhaftet infolge eines Irrtums." (Denn daß er als neunzehnjähriger Junge an der Ermordung Rathenaus indirekt beteiligt gewesen, das hatte er ja durch lange Zuchthausfahre längst abgebüßt.) Nun aber, da er den "Fragebogen" schreiben wollte – was sollte dabei herauskommen? Würde er den "Fragebogen", diese papierene Geißel der Nachkriegszeit, gegen die Peiniger wenden? Der "Fragebogen", von Salomons Hand ausgefüllt, würde eine starke Waffe werden. Denn er war entschlossen, ganz wahrhaftig, ganz ehrlich zu sein. Und es gibt nichts, was stärker wäre, als die Wahrheit, die reine Wahrheit. – Heute, da sein Buch vorliegt, werden manche Leser – ob sie unschuldig oder schuldig "Betroffene" waren – jubeln: ‚Er hat uns gerächt!‘ Diese Leser werden jene Fäden aus dem Teppich ziehen, die ihnen ins eigene Gespinst passen. Wir versichern, daß Salomon an diese Leser, als er sein Manuskript schrieb, nicht gedacht hat.

Als Salomon die Niederschrift begann, waren viele Deutsche damit beschäftigt, Fragebogen auszufüllen. Als er das dicke Manuskript beendete, hatten Millionen Fragebogen schon Staub und Schimmel angesetzt. "Was macht der ‚Fragebogen’?" so drängten alle Freunde, die nach Kampen kamen, wo Salomon am schmalen Tischden saß und schrieb, vor ihm das Watt, rings um ihn Geldsorgen; und so jahrelang. Würde nicht im Laufe der langen Niederschrift das Buch an Aktualität verlieren? Kleingläubige Überlegung! Denn zwei Dinge geben einem Buch Dauer und Wirksamkeit: das eine Ding heißt Wahrheit, das zweite heißt Kunst.

Ehe sein Buch den Streit politischer Meinungen auf sich lenken wird, ist hier vielleicht noch ein Augenblick, auf die literarische Bedeutung dieses Werkes hinzuweisen –: es ist dies ein Wert, den wir Deutschen bei biographischen Büchern leicht zu übersehen geneigt sind. Zwar fängt das Buch mit einem Druckfehler an (es müßte Read statt Bead heißen), aber stoßen wir uns nicht an Setzern und Korrektoren! Stoßen wir uns nicht an Kleinigkeiten, da das Buch Größe hat! Ist Salomon auch alles andere als ein Lyriker, so hat er doch dessen Zartheit, ist er auch kein Dramatiker, so hat er doch dessen Schärfe. Ist er auch kein Epiker im Sinne eines Geschichtenerfinders, so ist er doch einer der großartigsten Erzähler der neueren Literatur. Und er ist – was für ein rarer Fall in Deutschland! – ein echter Humorist, zugleich einer, der – und das ist sogar selten in der ganzen, Welt – über sich selbst lachen kann. Sein Buch enthält fast alles, was das heutige Leben ausmacht, Krieg und Frieden und jenes Zwischending von beidem, das wir seit langem kennen; es enthält Liebe, Freude, Qual, enthält auch Seitenblicke in die Sphäre der Literatur und des Films; es zeigt die Nazis und die Nazifeinde, die Freiheit und die Kerker, und wem beim Lesen manchmal Tränen kommen, braucht sich nicht zu schämen: die Tränen kommen vom Lachen wie vom Weinen.

Salomons "Fragebogen" bietet auch Ansichten dar, die wir nicht teilen können – natürlich auch dies! –, aber es bietet keine Erlebnisse, die wir nicht nachfühlen können. Und dies Ergebnis künstlerischer Arbeit ist es, was das Buch – so spielerisch nach der Vorlage des Original-Fragebogens die Fäden geknüpft sind – gewichtig, ernst und bedeutsam macht. Ein Document humain ersten Grades und – trotz der angloamerikanischen Fragetexte – ganz und gar deutsch. (Vgl. die nebenstehende Probe.)