Das Bild, das der amerikanischen und der Weltöffentlichkeit von dem neuen Oberbefehlshaber der UNO-Streitkräfte in Korea geboten wird, ist bereits Bestandteil einer Propaganda, die die Ablösung des einen Generals durch den anderen rechtfertigen soll. Der schlichte, disziplinierte Frontgeneral Matt Ridgway wird in gegensätzlichen Farben zu dem eigenmächtigen, theatralischen „Vizekönig Asiens“, MacArthur, geschildert. Manches an dieser Gegenüberstellung mag stimmen, aber schon der Umstand, daß Matthew Ridgway selbst eifrig Züge zu seinem publizistischen Porträt beigesteuert hat, zeigt, daß auch er sich auf die Verwaltung des Ruhms und die Pflege der Legende versteht – nur ist seine Legende eine ganz andere als die eines transozeanischen Prokonsuls, der souverän im Fernen Osten regiert und Kriege führt.

Ridgway kommt aus der Zentrale, er ist der Mann Washingtons, der Kandidat des Pentagon, der Schützling des Kriegsministers Marshall, der Freund des Generalstabschefs Bradley und ein Klassenkamerad vom Stabschef des Heeres, Collins. Als der Befehlshaber der 8. Armee, General Walker, kurz vor Weihnachten tödlich verunglückte, wurde Ridgway als sein Nachfolger nach Korea entsandt MacArthur wurde überhaupt nicht gefragt, Er hatte seinen früheren Generalstabschef, den General Almond, der das 10. Korps, die andere in Korea kämpfende Einheit, kommandierte, ausersehen. Statt dessen übernahm Ridgway auch die Kommandogewalt über das 10. Korps, das bis dahin dem Hauptquartier MacArthurs direkt unterstand. Der Wolf war in der Hürde.

Als erstes unternahm er eine Inspektion aller Kommandoposten. Eine Woche lang flog er in seinem Helicopter von Formation zu Formation. Es begann die große Ablösung in den Stäben. Wie alle autoritären Temperamente hatte MacArthur nur Kreaturen um sich geduldet. Nun wurden seine ältesten Mitarbeiter entlassen. „Nicht weil sie krank oder verwundet sind“, so erklärte der neue Kommandant, „habe ich diese Männer abgesetzt, sondern weil es ihnen an Angriffsgeist, Entschlossenheit und Mut zu persönlichem Einsatz fehlt.“ Ohne dem Hauptquartier zu berichten, löste er drei Divisionsgenerale und mehrere Regimentskommandeure ab. Dann reorganisierte er den Nachrichtendienst, dem MacArthur seine Fehlurteile verdankte. Nach und nach wurden alle Prärogativen des Oberbefehlshabers dem im fernen Tokio thronenden Chef entwunden. Selbst die Zensur übernahm Ridgway und schickte MacArthur die fertigen Frontberichte zur Unterschrift.

Am zehnten Tage nach der Übernahme seines Kommandos ging er zum Gegenangriff gegen die Chinesen über. Aus dem Pentagon, wo er zuletzt als stellvertretender Stabschef des Heeres mit General Collins in der Abteilung „Operationen und Verwaltung“ vor einer riesigen Koreakarte arbeitete, hatte er eine neue strategische Konzeption mitgebracht, die den besonderen Gegebenheiten des Landes, des Feindes und der politischen Konstellation Rechnung trug. Es war die Strategie des begrenzten Krieges, in deren Rahmen von nun an alle Operationen unter Umgehung des Hauptquartiers MacArthurs direkt zwischen dem Pentagon und Ridgway abgesprochen wurden. Es war die Operation Hekatombe, von den Soldaten roh Operation Töter genannt. Sie ging nicht auf Geländegewinn aus, der die UNO-Streitkräfte nur wieder in die gefährliche Nähe der mandschurischen Grenze geführt hätte, sondern suchte den Feind durch überlegene Feuerkraft zu dezimieren und mürbe zu machen. Derzeit forderte der Imperator MacArthur die Mandschurei, um sie zu bombardieren, und das chinesische Festland, um Tschiangkaischeks Truppen dort zu landen. Das ist ein echter Gegensatz.

Nach den ersten Erfolgen Ridgways waren die Frontseiten der amerikanischen Zeitungen und Magazine mit seinem Bilde bepflastert. Kein Amerikaner wurde in den letzten Monaten so oft Photographien. Immer im einfachen Trenchcoat, die Pistole umgeschnallt, an der linken Schulter eine Handgranate und rechts am Gürtel ein Verbandpäckchen. In den Beschreibungen der Presse wimmelte es von Anekdoten über seinen Mut und seine Fürsorge für die Truppe. Er band einem schwer beladenen Unteroffizier, der sich nicht Bücken konnte, die aufgegangenen Schnürsenkel und schlug den Soldaten kameradschaftlich auf die Schulter – aber auch den zahlreichen Kriegskorrespondenten. Seine steigende Popularität begann den alternden Ruhm MacArthurs zu überschatten.

Man glaubt ihm schon, daß er sich seiner Haut zu wehren und seiner Handgranate zu bedienen versteht. Aber der Mann, der es fertiggebracht hat, einen MacArthur matt zu setzen, der Proust liest und Reden hält, ohne in Washington anzuecken – denn auch er redet gern und viel –, ist mehr als das Klischee eines unpolitischen Haudegens. Auch er sagt – zwei Tage vor der Absetzung MacArthurs –: „Unter den gegenwärtigen militärischen Bedingungen ist kein Ende des Krieges abzusehen. Aber während der starrsinnige Old Mac daraus immer wieder die Notwendigkeit einer Ausweitung des Krieges folgert, fügt Ridgway hinzu: „Außer durch eine politische Regelung.“

Vor allem aber zeichnet er sich vor seinem Vorgänger durch eine eminent politische Tugend aus: er kann warten, was der Einundsiebzigjährige nicht mehr konnte. Er hat der Versuchung widerstanden, seinen ersten Sieg im Januar durch kühne Vorstöße zu erweitern (wie MacArthur es tat, der im November auch am Yalu nicht haltgemacht hätte), er ist vorsichtig und methodisch vorgerückt. „Die Gefahr, der unser Volk mehr als jedes andere ausgesetzt ist, heißt Ungeduld.“ Das sagte er zwei Tage, bevor er MacArthur ablöste – und auch das ist ein echter Gegensatz. Ohne Geduld läßt sich kein begrenzter Krieg führen, und Geduld ist genau das, was die in Extremen schwankende öffentliche Meinung im Nervenkrieg gegen den Kommunismus am meisten vermissen läßt. Weder bedeutet die Absetzung MacArthurs ein neues München, wie viele Republikaner behaupten, noch wird die Ernennung Ridgways, was manche Demokraten zu hoffen scheinen, ohne weiteres die Einigkeit zwischen Washington und London oder gar den Frieden im Fernen Osten sicherzustellen.

Bourdin