K. W. Berlin, im April

Von unserem Berliner Korrespondenten

Gestern flüchteten sieben „Volkspolizisten“ nach Westberlin..., diese oder eine ähnliche kurze Notiz eröffnet jetzt Tag für Tag die lokalen Meldungen der Westberliner Zeitungen. Im vorigen Jahre waren es einer oder zwei, von denen das täglich gemeldet werden konnte. Aber seit Beginn dieses Jahres ist die Ziffer auf einen Durchschnitt von sieben bis acht flüchtige Volkspolizisten pro Tag gestiegen. Mehr als tausend Angehörige der ostzonalen Polizei haben sich allein im letzten Vierteljahr unter den Schutz Westberlins gestellt. Und noch viel höher ist die Zahl derer, die über die Elbe ins Bundesgebiet flohen. Eine Armee von Deserteuren ...

Freilich, es wäre leichtfertig genug, die aus der Sowjetzone geflohenen Polizeibeamten zum Maßstab für die Möglichkeiten der Volkspolizei überhaupt zu nehmen. Die Stärke der Volkspolizei ist ja inzwischen kein Geheimnis mehr: mindestens 25 „Bereitschaften“ von je 2400 Mann. Allein die durchaus militärische Gruppe der Volkspolizei ist eine Truppe von 60 000 bis 70 000 Mann. Daß die übrigen Einheiten der Volkspolizei mindestens eine ebenso hohe Zahl umfassen, ist bekannt.

Die flüchtigen Polizisten aber kommen fast durchweg nicht aus der Verkehrspolizei, aus der Kripo und derartigen Verbänden, sondern aus den „Bereitschaften“, also aus der Militärtruppe. Obwohl ihre Bezüge, ihre Ernährung, ihre Bekleidung weitaus besser sind als die der Durchschnittsbevölkerung und nur noch mit dem Ausnahme-Standard der „Aktivisten“ ja den Betrieben vergleichbar, gehen sie auf und davon: Junge Leute, die einst zur Polizei fanden, weil sie entweder aus Kriegsgefangenschaft mittel- und ausweglos heimkehrten oder aber, weil sie wegen ihrer Nichtzugehörigkeit. zu den kommunistisch bevorzugten sozialen Schichten Schwierigkeiten eines anderen Berufsweges sahen. Wer jetzt mit ihnen spricht, beobachtet wesentliche Entwicklungszüge in der Sowjetzone: Zuerst hieß Polizei-Ausbildung wirklich nur polizeiliche Instruktion. Dann trat die politische Unterweisung hinzu. Zuerst trugen die Polizisten den Karabiner. Dann fuhr das leichte und dann das schwere Maschinengewehr auf und die Panzerabwehrkanone. Schließlich gab es alles, was längst vorbei und abgetan schien: Panzerspähwagen, Aufklärungsoperationen, Nachrichtenwesen und dann auch-, hie und da zunächst, die großen schweren T 34. Es war kein Zweifel, daß diese Art Polizei immer mehr einer modernen Militärtruppe zu gleichen begann. Doch es blieb auch nicht einfach bei diesem Militär-Status. Aus den täglichen Schulungsvorträgen wurden politische Seminare. Polit-Kultur-Offiziere traten immer mehr in den Vordergrund. Sie machen ihren uniformierten Schülern klar, daß die Amerikaner die Teufel der Welt schlechthin bedeuten ...

Auch dies – so erzählen die jungen Entflohenen immer wieder – wäre noch zu schlucken gewesen, wenn man sich wenigstens im stillen hätte seine eigene Meinung machen dürfen. Das aber war vorbei, als von jedem Volkspolizisten Vorträge, „eigene“ Darstellungen als tägliche Pflichtübungen verlangt wurden. Die Rote Armee sollte das Vorbild aller Vopo-Bereitschaften sein: die politisch liniengerechte Truppe, deren Kanonen Friedens-Kanonen, deren Maschinengewehre Friedens-Maschinengewehre, deren Bomben Fortschrittsbomben genannt wurden.

Erst als sich das verlangte Ideal der Volkspolizei so deutlich als das einer Roten Armee deutscher Sprache herausschälte, begann der Drang, zu entkommen. Prompt hielten die „Chefs“ auf strenge Absperrung von der Außenwelt. Urlaub bekam der kasernierte Polizist jetzt nur alle vier Wochen einmal, und sein Ausgehanzug wurde ihm ausgehändigt, wenn die Polit-Offiziere genau unterrichtet waren, daß der Urlaub nicht nach Westberlin oder nach Westdeutschland führen sollte. Sein Briefverkehr steht seit langem unter Kontrolle.