Stefan Zweigs dramatische Dichtung „Jeremias“ ist nach wenigen folgelosen Aufführungsversuchen in Vergessenheit geraten. Sie entstand unter den Eindrücken des ersten Weltkrieges und erschien 1919 als Buch im Insel-Verlag. Das Werk würde ungekürzt einen Oberammergauer festspieltag beanspruchen. Es ist Protest und Prophetie, Anklage und Klage zugleich; eine Tragödie der Vergeblichkeit, vor einem sinnlosen, nur zum Untergang führenden „Heiligen Krieg“ zu warnen. Die edle, wenn auch nicht aus dramatischem Instinkt gespeiste Sprache nähert die Dichtung dem Bereich eines eindrucksvollen Wort-Oratoriums von tiefer Gedanklichkeit und menschlicher Würde.

Der von Hofmannsthal angeregte Versuch, das in den neun Bildern verborgene Drama des Gram-Propheten, der mit dem unglücklichen, zu spät einsichtigen König Zedekia um die Rettung Jerusalems vor der Eroberung durch Nebukadnezar ringt, als eine bühnenwirksame Tragödie herauszuschälen, ist nunmehr von dem Leiter des in Düsseldorf beheimateten Dramaturgischen Instituts, Ludwig Mülheims, unternommen worden. Das Ensemble des Instituts – meist junge, begabte Darsteller – setzt sich in erster Linie für die religiöse Dramatik, vor allem Claudel, ein. Wichtiger als das Theaterspiel ist ihm das geistige Bekenntnis, worunter aber die ernste künstlerische Bemühung, der Wille zu straffer Form und persönlichem Stil nicht leiden soll. Noch sind freilich Übersteigerungen, Rückfälle in Rhetorik oder Pathos nicht ausgeschaltet; aber im ganzen wurde schon eine bemerkenswert ehrliche und schlichte Ausdrucksform gewonnen. Die auf fünf Szenen konzentrierte, auf Volksszenen klug verzichtende Interpretation vor einigen Vorhängen und mit wenigen Requisiten vermittelte überzeugende Eindrücke. Im Rahmen einer Kulturveranstaltung der Katholischen Jugend zuerst in Duisburg, dann in Düsseldorf gezeigt, verdient die kammerspielhafte Inszenierung das Lob, einem bisher kaum darstellbaren Werke von hohem dichterischen Rang zur dramatischen Verwirklichung verhelfen zu haben.

Gerd Vielhaber