In der langen Reihe der englischen Außenminister, die während der letzten 150 Jahre die Politik ihres Landes durch manchen Sturm geleitet und die Insel zu einem weltumspannenden Imperium entwickelt haben, stehen viele große Namen nebeneinander: Viscount Castlereagh, Lord Palmerston, der Herzog von Wellington, Earl of Derby, Sir Edward Grey, Lord Curzon... Sie alle waren Akteure auf der großen Bühne der Weltgeschichte und nicht nur historische Figuren in den heimischen Lesebüchern. Auch Ernest Bevin, der gestern zu Grabe getragen wurde, gehört zu ihnen. Er war kein Weltmann wie jene, aber er ist in besonderer Weise ein Markstein in der Geschichte seines Landes, ja mehr noch, ein Symbol unserer Epoche.

Wahrscheinlich ist Bevin der einzige in dieser Folge glanzvoller Namen, dessen Laufbahn nicht in Eton oder in einer der klassischen englischen Bildungsstätten begann. Er wuchs nicht auf in der Tradition humanistischer Bildung, kannte keine fremden Länder, Sprachen und Völker, durchwanderte nicht die Weiten des britischen Empire – diese ganze Welt des selbstverständlichen Hineinwachsens in die Verantwortung des Regierens war ihm fremd. Seine Tugend war Armut und Kampf. Schon der Zwölfjährige, dessen Eltern – eine arme Landarbeiterfamilie – früh starben, mußte sich selbst seinen Unterhalt verdienen.

Der Aufstieg dieses eltern- und mittellosen Knaben aus der spätkapitalistischen Phase des 19. Jahrhunderts, in der die ersten Anfänge einer Sozialgesetzgebung gerade erst begonnen hatten, über die Gewerkschaften bis zur Downingstreet war nicht kometenhaft. Es war ein dornenreicher Weg. Und während Bevin in langsamer, mühevoller Arbeit ihn Schritt für Schritt bewältigte, baute er ihn aus und ebnete ihn für seine Brüder und Leidensgefährten, für die englische Arbeiterklasse Er ist einer der wenigen „Arrivierten“ seines Standes, der nicht verbürgerlichte, sondern immer, auch als Außenminister noch, sich als Mann des Volkes empfand, nicht im Sinne eines bewußten Klassenkämpfers, sondern im Bewußtsein einer Verantwortung für die unteren Klassen.

Und hier, so wird man vielleicht einmal aus der Perspektive der Geschichte urteilen, liegt wahrscheinlich seine eigentliche Bedeutung, viel stärker als im politischen. Hier, wo es sich darum handelte, die soziale Welt neu zu formen, sie umzudenken, die alten Werte und Wertungen nicht in einer Revolution zu zerschlagen und zu negieren, sondern sie umzubilden, den Erfordernissen einer neuen Zeit entsprechend. Bevin hat mit der ganzen Zähigkeit und Dickköpfigkeit, die sein freudloses und entbehrungsreiches Leben ihn gelehrt hatte, an dieser sozialen Revolution gearbeitet, die den Lebensstandard der unteren Klassen gehoben, ihnen die klassischen Bildungsstätten und den Zugang zur politischen Verantwortung erschlossen hat. Und wenn dieser Prozeß aus den Verstrickungen eines übertriebenen Etatismus gelöst, eines Tages stabilisiert sein sollte, und damit das einmalige Experiment einer geschichtlichen Evolution von der feudalen Aristokratie zur modernen Gesellschaftsform gelungen sein sollte, dann wird man gewiß auch wieder Ernest Bevins gedenken. Man wird seiner gedenken, auch wenn längst die Fehler und Irrtümer seiner Außenminister-Zeit vergessen sind, ja auch, wenn sich niemand mehr daran erinnert, daß es im Grunde Bevin war, der als Erster nach 1945 die Absichten Sowjetrußlands durchschaute und der für eine gemeinsame englisch-amerikanische Politik auf Gedeih und Verderb eintrat.

Dff