II. Der Weg ins Zuchthaus von Fresnes – Ein zum Tode Verurteilter berichtet seine Erlebnisse in französischen Kerkern

Von Henri Béraud

Dem Tod gegenüber –: Im Lager, im Keller, in einer Gefängniszelle oder vielleicht auch in irgendeinem bürgerlichen Wohnzimmer, in dem Soldaten oder Polizisten, Agenten oder Revolutionäre – auf Jeden Fall also Männer mit Patronengurten um die Hüfte und mit Maschinenpistolen in der Hand – ihr Quartier aufgeschlagen haben; eine solche Situation ist in unserer Zeit nicht mehr außergewöhnlich. Heute kann man die Bewohner dieser Erde leicht einteilen nach Gefangenen und Wächtern und eine andere Einteilung wäre die in Kollaborateure und Befreier. Einen Kollaborateur nannte die Anklage den Verfasser unseres Tatsachenberichtes, Henry Béraud, einen Mann also, der im Kriege als Franzose mit den Deutschen gegen seine Landsleute gearbeitet habe. Béraud sagt, er habe das nicht getan, er möge nur die Engländer nicht ... Hier aber erzählt er von den Erlebnissen und Leiden seiner Gefangenschaft. Und diese Erlebnisse bleiben gleich erschütternd ob sie nun die Erlebnisse eines Gefangenen, eines Wächters, eines Kollaborateurs, eines Befreiers oder was sonst auch immer sind, sie schildern das Leid eines Menschen.

übersetzt von Edmond Lutrand, Copyright „Die Zeit“ und Plön

Um neun Uhr forderte man mich auf, mich bereitzuhalten. Zwei bewaffnete Männer – die gleichen, die mich am Abend hergebracht hatten – erwarteten mich vor der Tür; der Motor ihres Wagens lief. In dem Augenblick, in dem ich in den Wagen stieg, hörte ich Rufe. Meine Frau lief auf uns zu, es blieb noch Zeit für eine flüchtige Umarmung, man trennte uns, ich hörte noch: „Mut, auf bald!“ Der Wagen fuhr an. Einem unbekannten Ziel entgegen.

Die Fahrt ging kreuz und quer durch Paris. Oft hielten wir an. Jedesmal verschwand einer der Polizisten in irgendeinem Laden, der in eine „Kommandostelle“ umgewandelt war, und kehrte zurück mit einem selbstzufriedenen Lächeln und einer geheimnisvollen Miene, als ob er Träger eines großen Staatsgeheimnisses wäre. Schließlich endete die Fahrt im Hof des Rathauses. Aussteigen! Ich nahm meinen Koffer ... In einem hellen Saal des Rathauses stand ein junger Herr in Uniform, gestiefelt und gespornt, Tressen auf den Ärmeln, und versuchte sogleich, eine wichtige. Miene aufzusetzen. Ich wartete auf seine Fragen. Er stellte keine. Nun gut, so werde ich beginnen ... „Kommandant“, sagte ich, „hören Sie mich an: Nach einer Woche Haft befinde ich mich zum erstenmal vor einem Mann, der legale Funktionen ausübt. Wenigstens nehme ich es an. Aber bis zum jetzigen Augenblick hat man es nicht für nötig gehalten, mir die Gründe meiner Verhaftung anzugeben. Noch niemand hat mir einen Haftbefehl gezeigt, wie es das Gesetz verlangt. Wollen Sie mir erlauben, Sie zu fragen, ob Sie ein derartiges Dokument besitzen oder zum mindesten, ob Sie mir darüber Auskunft erteilen können, warum ich Ihnen zugeführt werde ...“

Er schweigt. Sein Blick ist hart. Er läßt mich – nicht aus den Augen. Ich fahre fort: „Es ist zu befürchten, daß mein Protest Sie gleichgültig läßt, das ist aber kein Grund für mich, zu schweigen. Ich erkläre Ihnen also, daß nichts eine derartige Handlung rechtfertigt, die überdies noch ungesetzlich ist. Ich gehöre keiner Partei an. Ich habe weder öffentliche Ämter bekleidet noch irgendwelche Vorteile von einer Regierung erhalten. Ich habe keinerlei Kontakt mit den Besatzungsmächten unterhalten und nicht nur keinerlei Sympathie geäußert, sondern das Gegenteil: das kann ich beweisen. In dieser Lage maße ich mir das Recht an, Sie zum zweitenmal zu fragen: Weshalb bin ich hier?“