Die Russen sagen Wiedervereinigung Deutschlands und meinen die Annektion der Westzone, sie sagen demokratische Republik und meinen die Diktatur der Bürokratie, sie sagen volkseigen und meinen staatseigen, sie sagen Vereinigung Gegenseitiger Bauernhilfe und meinen Enteignung des Bauern, sie sagen Sicherung des Agrarabsatzes und meinen Raub der Produkte zu einem Schandpreis,

Ein neues Beispiel für diese dialektischen Fähigkeiten ist das Sowjetzonengesetz Nr. 11 vom 30. Januar 1951. Es regelt das „Beratungswesen“. Es dient – so heißt es – „zur organisatorischen und finanziellen Festigung der Dorfgemeinschaft“. In Wirklichkeit aber ist es das Rahmengesetz für die Kolchosbildung.

Im Mai vorigen Jahres wurde das Ablieferungssoll für Bauernhöfe über 10 ha so hoch festgesetzt, daß es unerfüllbar wurde. Erfüllung war auch gar nicht das Ziel. Die Bauern sollten vielmehr so stark unter Druck gesetzt werden, daß sie sich – so hoffte man – „spontan, einstimmig und freiwillig“ zu Dorfgenossenschaften, zu Kolchosen, zusammenschließen würden. Schon im Winter 1949/50 waren 524 Maschinenstationen errichtet. Jede Station sollte mit 50 starken Traktoren (40 bis 60 PS) ausgestattet werden. Dies mißlang, Im nächsten Sommer verfügten sie erst über durchschnittlich 22 Traktoren, von denen ein Teil nicht gebrauchsfähig war...

Nun hatte Stalin aber 1929 in Rußland mit der Kolchosbildung ohne Traktorenstationen sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Die furchtbare dreijährige Hungersnot 1929/32 hatte Millionen Menschen das Leben gekostet Eine ähnliche Entwicklung konnten die Russen sich in der deutschen Ostzone nicht leisten. Dafür ist der Westen zu nahe. So mußte deren Kolchosbildung hinausgeschoben werden. Nur die unerfüllte Sollhöhe blieb bestehen, und unzählige Bauern wurden und werden wegen Nichterfüllung zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Um aber die Kolchosidee nicht einschlafen zu lassen, wurde jetzt das Gesetz Nr. 11 erlassen. Es ordnet die Errichtung einer bürokratischen Pyramide von Beratern, sprich Kolchosleitern, an. Die Spitze bildet das Landwirtschaftsministerium. Entsprechend den im Fünfjahresplan vorgesehenen 750 Maschinenstationen werden in „Schwerpunktsgemeinden“ 750 Ackerbauberater ernannt. Sie werden von der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe eingesetzt, also praktisch vom Ministerium. Ihre Auswahl wird mithin nicht nach fachlicher, sondern nach gesinnungsmäßiger Tüchtigkeit erfolgen.

Die Kosten für die Berater haben die Kolchosen (Dorfgenossenschaften) aufzubringen. Für die Viehwirtschaftsberater wird 1 Pfennig je 1 Liter Milch erhoben. Die Berater sind also keineswegs billig. Nicht die Genossenschaften wenden „finanziell gefestigt“, sondern die Berater. Die Kolchosleiter hat sich das Ministerium, in Berlin vorbehalten, also die Russen selbst.

So ist nun der organisatorische Rahmen für die Enteignung der deutschen Bauern im deutschen Osten geschaffen. Wann sie praktisch verwirklicht wird, wird neben der außenpolitischen Entwicklung in erster Linie davon abhängen, bis wann es den Russen gelingt, die Maschinenstationen mit Traktoren voll auszustatten. Asien schreitet zielbewußt Schritt für Schritt gegen Westen vor, und Europa streitet sich, wie die Hirten beim Einbruch der Wölfe in die Herde – um ein Pfund Wolle! H. v. Ö.