Von Ernst Rosemann

Unsere Zeit wird zeitloser mit jedem Tag. Auf gleißenden Schienensträngen rasen wir dahin, nervös auf die Uhr schauend wenn irgendein Bahnhofsaufenthalt länger als eine Minute dauert. Wir jagen durch die Lüfte und lesen zwischen den Grenzen gerade die neuesten Wirtschaftsnachrichten. Wolken sind um uns, sonst nichts...

Ist das die Freude am Reisen?

Ist jene Postkutschen-Romantik für alle Ewigkeit verbannt, jene Postkutschen-Romantik des „Schwagers“ mit seinem schmetternden Horn, von der uns nur Reisebeschreibungen unserer Urväter und – vielleicht – der Film berichten? Ist dieses Erleben der Landschaft nicht mehr möglich in unserer Zeit? Können wir der Landschaft, der freien göttlichen Natur, der Schönheit der Flüsse, Täler und Wälder, der Architektur, die unsere Burgen, Schlösser und Städte in Jahrhunderten schuf, nicht mehr abgewinnen als ein Hetzen, als einen Fahrplan?

Wir brauchen uns nur ein wenig zurückzuziehen aus der Tageshast, aus der Diktatur der Uhr und des Fahrplans; gewiß, die Romantik der Postkutsche gehört der Vergangenheit an, eine neue Romantik des Reisens aber ist entstanden, schöner noch und unmittelbarer als sie uns das vergangene Jahrhundert zu bieten vermochte: unabhängig vom Schienenweg durch Städte und Dörfer, durch Täler und über Berge, nicht aber mehr an ihren Rändern vorbei.

Die Romantik der Straße ist wieder erstanden, die Romantik der modernen Postkutsche, die des von Plänen und Schienen unabhängigen Kraftfahrzeugs.

Ja, für die „Begüterten“ – meint man vielleicht. Das war freilich „damals“ schon so, als ich der Begüterte die „Extra-Post“ mieten konnte und nur wenige Menschen gab es, die sich wie der „Geheimbte Rat“ von Goethe über die Alpenpässe gen Italien fahren lassen konnten. Es hat ein Heidengeld gekostet. Die Technik von heute macht es uns einfacher. Auch wenn wir nicht Besitzer eines Kraftfahrzeugs sind – vom motorisierten Fahrrad über das kleine Motorrad mit dem Sattel für die geliebte Sozia, über die vierrädrige Fahrmaschine bis zum Luxusauto – es gibt den Bus, das immer luxuriöser und bequemer werdende Massen-Verkehrsmittel, mit dem man vielleicht nicht ganz so individuell reisen kann wie mit dem eigenen Motor, der zwei- bis vierrädrigen Privatkutsche...