Vor beinahe drei Jahren erklärte in Moskau der bekannte Komponist Schostakowitsch viele seiner bisherigen Werke als verderbliches Gift Seitdem komponiert er so, wie es der verstorbene Parteichef Shdanow in seinen Richtlinien festgelegt hat. Die Stunde der linientreuen Musik hat jetzt auch auf dem Boden der deutschen Sowjetzone geschlagen. Paul Dessau, der gerade wegen seiner Musik zu Brechts „Lukullus“ als gefährlich entarteter Komponist getadelt worden war, mußte sich in das Ehrenpräsidium einer von Pieck, Grotewohl, Ulbricht und dem ganzen Politbüro unter Assistenz sowjetischer Kulturpolitleute abgewickelten Tagung setzen. Das Thema dieser für alle theoretischen und praktischen Musiker obligatorischen Tagung hieß: „Der Realismus – die Existenzfrage der deutschen Musik.“

Dort war wirklich Erstaunliches zu hören. Unter anderem: der Jazz sei Kriegshetzermusik, der „Formalismus“ eine Methode kapitalistischer Zersetzung. Die Musikbeflissenen der Sowjetzone werden es nach dieser Tagung leichter haben. Sie werden nämlich Aufträge bekommen – und zwar im Rahmen des Fünfjahresplans. Man wird sie streng zu Kollektiven zusammenschließen und zur Fabrikation von Kantaten, Sinfonien und dergleichen auf die Maschinen-Ausleihstationen, auf die volkseigenen Betriebe, auf die Arbeiterfakultäten, auf die Henneckes anhalten. Es komme – so heißt es allen Ernstes – überhaupt nicht auf das musikalische Gesicht, sondern auf den ideologischen Inhalt an

Vielleicht ist es gut zu wissen, daß Paul Dessau und selbst Hanns Eisler, daß Wagner-Regeny und Ottmar Gerster – um die bekannteren deutschen Namen zu nennen – sich weder in der Diskussion noch im Hauptreferat zu diesem barbarischen Unsinn geäußert haben. Sie saßen dabei und werden nun vielleicht versuchen, „realistisch“ statt „formalistisch“ zu komponieren. Es saß ja nicht nur auch Ulbricht, der allgewaltige Parteichef, dabei. Die sowjetischen Generalsekretäre Chrennikow und Schapurin notierten alles, was auf dieser Tagung gesagt wurde. Das Leitmotiv „Von der Sowjetunion lernen“ wurde hier auf den primitivsten Analphabetismus zurückgeführt.

Vielleicht haben viele abendländische Menschen jene Selbstbezichtigungen Schostakowitschs aus dem Jahre 1948 für eine slawische Kuriosität gehalten. Von nun an werden sie wissen, daß unter Umständen schon ein Akkord, auf dem Klavier angeschlagen, seinen Urheber der Gewalt der NKWD aussetzt. K. W.