Ergebnisse des Wiesbadener Internistenkongresses

Von W. Reiner

Als der Vorsitzende der 57. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden seine Eröffnungsrede hielt und forderte, daß Liebe die treibende Kraft aller Medizin sein müsse, hielten die meisten Zuhörer das für schöne Worte, die zwar allgemein anerkannt, aber selten befolgt werden. Aufregender waren die über hundert Fachvorträge, die danach folgten: nüchtern, klar und ohne alle Prätention. Kritische Analysen dämmten therapeutischen Optimismus und allzu kühne medizinisch-theoretische Konstruktionen ein. Es wurde viel über Methodik gesprochen. Immer wieder wurde auf noch völlig ungeklärte Dinge hingewiesen. Und der Arzt, der nach Hause ging, nahm weniger das Gefühl der sicheren Bereicherung als das Gefühl der großen Aufgabe mit. Und wegen dieser Bescheidenheit gegenüber dem Erreichten erscheint es wohl erlaubt, zu behaupten, daß es seit Jahrzehnten keinen Kongreß gab, der soviel Hoffnung auf eine Renaissance der deutschen medizinischen Wissenschaft erlaubte.

In der letzten Zeit ist viel über die Beziehungen zwischen Nebenniere und Hypophyse geschrieben worden. Daß diese Beziehungen bestanden, war schon lange bekannt. Man wußte, daß die Hypophyse, dieser nur wenig Gramm schwere Hirnanhang, eine Unzahl von Hormonen produzierte, die regelnd auf alle anderen Drüsen des menschlichen und tierischen Organismus einwirkte. Diese Kenntnisse waren zum größten Teil über Tierexperimente gewonnen worden, zum kleineren über menschliche Erkrankungsbilder, die sich in merkwürdigen Verunstaltungen, in schweren, zum großen Teil tödlichen Leiden äußerten. Dann isolierte man das Cortison, das Rheumatikern ihre Schmerzen nahm, und man fand, daß nicht nur das aus der Nebennierenrinde gewonnene Cortison diesen Effekt hatte, sondern auch ein Hormon der Hypophyse, das die Ausschüttung von Nebennierenrindenhormonen, und wohl insbesondere Cortison bewirkt. Hierüber berichtete Professor Jores, Hamburg. Durch besondere Beanspruchung, sei sie körperlicher oder seelischer Art, wird im Nebennierenmark Epinephrin frei, das den Körper zu plötzlichen besonderen Leistungen befähigt, indem es sein Herz schneller schlagen läßt, seinen Blutdruck steigert, den Muskeln Zucker zu schneller Verbrennung bereitstellt. Dieses Epinephrin wieder bewirkt Bereitstellung von nebennierenrindenstimulierendem Hormon, das dann diesen plötzlichen Exzessivverbrauch allmählich ausgleicht. Die Ansprechbarkeit dieses Regulationssystems erkennt man in einem Abfall der sogenannten eosinophilen Blutzellen, die zum Beispiel beim Asthma, Heuschnupfen und bei der Typhusrekonvaleszenz vermehrt sind. Wahrscheinlich beruht die Wirkung des Cortisons beim chronischen Rheuma auf der Unterdrückung von übermäßigen Abwehrmaßnahmen des Organismus, die zur Wucherung des Bindegewebes, zur Quellung und damit zum Schmerz führen. So ist es zum Beispiel untersagt, Tuberkulösen diese Art von Hormonen zu geben, da sie vorübergehend fieberfrei werden, aber anschließend, nach Absetzen des Medikamentes, viel schwerer aufs neue erkranken. In Amerika gibt es schon einige Mediziner, die finden, daß man es auch chronisch Gelenkkranken nicht geben sollte, da der Erfolg nur solange vorhanden ist, wie man es injiziert, anschließend aber die Schmerzen in der alten Form wiederkommen. Über längere Zeit darf man diese Hormone keinesfalls geben, da dann schwerere Störungen im Stoffwechsel und in der Sexualsphäre auftreten können.

Aber die Tatsache, wie sehr die Fähigkeit des Menschen, Infekte abzuwehren, von diesem Nebennieren-Hypophysensystem abhängt, hat man erst jetzt richtig erkannt. Und man hat auch erkannt, wie ungelenk der Arzt vorläufig noch in der Handhabung dieser Mittel ist, die sich vielleicht eines Tages, wenn es gelungen sein wird, die über dreißig Hormone der Nebennierenrinde in ihrer Bedeutung für den gesunden und kranken Menschen zu übersehen und als Waffen gegen fast alle Krankheiten zu gebrauchen. Zum Schluß zeigte Professor Jores, daß es mittels des nebennierenrindenstimulierenden Hormons gelingt, bisher unerkennbare Schwächezustände der Nebennierenrinde, die sich in niedrigem Blutdruck, Mattigkeit und Gewichtsabnahme äußern, rechtzeitig zu erfassen und zu behandeln. Und das ist vielleicht wichtiger in der Praxis als alle bisher im amerikanischen und auch deutschen Schrifttum veröffentlichten vorübergehenden Heilungen bei anderen Krankheiten.

Im Gegensatz zu Hypophyse und Nebennieren sind die Funktionen und die Krankheitsmöglichkeiten durch die Schilddrüse wohl bekannt Aber warum in den letzten Jahren der Kropf so stark zugenommen hat, warum in den Hungerjahren die Unterfunktionszustände der Schilddrüse zunahmen, warum trotz der entsetzlichen Erlebnisse der Jahre seit 1945 der Basedow nicht zugenommen hat, sondern sogar abnahm, das alles waren Rätsel. Professor Bansi, Hamburg, gab einen naturwissenschaftlich klar fundierten Überblick über diese Fragen. Besonders eindrucksvoll war, wie er darlegte, daß die häufig als Grenzfälle zum Basedow bezeichneten Kranken mit Herzklopfen und nervöser Leistungsschwäche und verstärkter Erschöpfbarkeit streng von dem Kreis der Schilddrüsenkranken zu trennen sind. Während der Basedowkranke, wie Don Quijote gegen ein Schicksal, gegen Seinen Körper ankämpft, benutzt ihn der andere, um seine Schwäche vor der Mitwelt zu entschuldigen. Und diesem Unterschied entspricht auch der Unterschied von allen Heilmitteln, die beim Basedow wirksam sind, Röntgenbestrahlungen, Operationen der Schilddrüse, sowie die modernen Thiouracile helfen dem Nervösen gar nicht, während sie beim echt Schilddrüsenkranken Wunder wirken. Wie rätselhaft und unübersichtlich die Ursachen des Kropfes aber sind, zeigte Bergfeld, Freiburg. In Baden nämlich ist die Kropfhäufigkeit nicht nur unabhängig davon, ob die Menschen im Gebirge oder im Rheintal wohnen, ob sie in jodreichen oder jodarmen Gebieten leben, sondern einzig davon, ob sie auf dem Lande oder in der Stadt wohnen. In den größeren Städten gibt es kaum Kropfträger, auf dem Lande überwiegen sie. Und als ein jugoslawischer Gast meinte, daß die Kropfzunahme in seinem Lande auf der eiweißarmen und fettarmen Ernährung beruhe, dann paßte das sicher nicht zu dieser Tatsache, noch zu der, daß in Bayern unter den Flüchtlingskindern weniger Kropfträger waren als unter den Einheimischen.

Die beiden letzten Kongreßtage waren dem Lungenkrebs gewidmet. Den wichtigsten Vortrag über das Thema hielt Professor Baader, Hamm, der über berufsbedingte Schädigungen sprach, die zum Lungenkrebs führen können. Warum es gerade in den Gruben des Erzgebirges, in denen radioaktive Erden vorhanden sind, zu einer Häufung des Lungenkrebses kommt, warum sie in den Radiumbergwerken der ganzen übrigen Welt nicht vorkommt, ist noch ungeklärt. Daß Nickel, zerstäubte Schweröle, Arsen und manche Teere und Hormone sowie eine Alkoholsorte zu gewerbsmäßig verursachten Lungenkrebsen führen können, wurde zuerst in Deutschland anerkannt und erst in den letzten Jahren in den USA und Frankreich auf Grund großer Statistiken bestätigt.

Am Schluß sei ein Wort Professor Martinis besonders hervorgehoben, der sagte, daß die Kritik in der deutschen wissenschaftlichen Literatur in den letzten Jahrzehnten nie eine Heimstätte fand. Dieser letzte Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin zeigte, daß die deutschen Ärzte der Kritik jetzt aufgeschlossen sind. Wenn das der Bescheidenheit vor der Unergründlichkeit der Geheimnisse von Gesundheit und Krankheit entspringt, dann wird die deutsche Medizin trotz der verheerenden Kontinuitätsunterbrechungen der letzten Jahrzehnte sich wieder ihren alten hervorragenden Stand in der Welt erobern.