In der römischen Staatsoper kam eine Tanzdichtung ohne Fabel „Die Schwalbe der Zeit“ von Aurel M. Milloss zur Uraufführung.

Die moderne Entwicklung des italienischen Balletts ist vor allem der schöpferischen Energie des Choreographen Aurel M. Milloss zu verdanken. Milloss, 1906 in Ungarn geboren, hat einen harten Weg hinter sich, der ihn über die Berliner Staatsoper, über Düsseldorf und Augsburg an die Staatsoper von Rom und die Mailänder Scala führte. Was er unterwegs erlebte, waren nicht nur künstlerische Anregungen. Die europäische Welt verwandelte sich.

Seit den ersten Einflüssen am Beginn seiner Laufbahn – zuerst von Laban, dann von verschiedenen großen Meistern des klassischen Balletts – bildeten sich die beiden Leitmotive heraus, die für sein Schaffen charakteristisch sind: der freie oder anarchistische Tanz und die klassische Überlieferung. Die Verschmelzung dieser Gegensätze macht seinen heutigen Stil aus. Der Bereicherung seiner Kunst diente es auch, daß er zeitgenössische Komponisten (Casella, Malipiero, Dallapiccola, Petrassi, Vlad und andere), avantgardistische Dichter und vielfach umstrittene Maler (Severini, De Chirico, De Pisis und Scialoja) zur Mitarbeit heranzog, die entscheidend dazu beitrugen, den ausdrucksleeren Realismus auch in Italien endgültig zu überwinden.

Am reinsten verwirklichte Milloss seine Intentionen mit der „Ballata senza musica“. Er ging dabei von der These aus, daß der Tanz vor der Musik entstanden, daß er also die ursprünglichere Kunst sei: am Anfang stand der Ausdruckstrieb, der in rhythmischen Bewegungen Erfüllung suchte.

Bevor der Vorhang aufgeht, erklärt ein Sprecher: „Der Tanz entwickelt sich in den Phasen einer immer unerbittlicheren, beängstigenden Desillusion. Der Enttäuschte ist der zeitgenössische Mensch, der von seinem zukünftigen Schicksal nichts weiß, der oft das Opfer seiner Illusionen ist, oft verraten und verfolgt, oft vergeblich getröstet wird. Schließlich wird er sich seiner Enttäuschung völlig bewußt. Er beugt sich dem Gesetz und verzichtet.“ – Also doch Philosophie oder Theologie im Ballett? Vielleicht sogar getanzter Existentialismus?

Milloss besitzt zuviel Geschmack, um solchen Verirrungen anheimzufallen. Es kommt ihm vielmehr darauf an, innere Mächte, die den zeitgenössischen Menschen bestimmen (Angst, Gewissensqual, Selbsttäuschung, Erlösungssehnsucht, Resignation, Verführung, Feigheit, Wunsch nach Einfachheit) ganz unmittelbar, nur in der durch keinerlei Musik unterstützten Bewegung sichtbar werden zu lassen. Man könnte von diesem Ballett als von einem Mysterium ohne Ritus sprechen. Ein religiöser Trieb, der in geläufigen Mitteln keinen bildhaft-gültigen Ausdruck finden kann, erfüllt sich hier, weil der Weg zwischen Welt und Überwelt nicht durch Konventionen abgesteckt ist. Gefühle erzeugen unmittelbar Bilder, Instinkte Ahnungen und Ahnungen Bewegungen, die man nicht wie eine liturgische Handlung im voraus kennt.

Gustav René Hocke