Das seit Niebergalls unvergeßlichem „Datterich“ zweifellos köstlichste Volksstück im hessisch-darmstädtischen Dialekt ist jetzt – ausgerechnet in Mainz, der Hauptstadt von Rheinland-Pfalz, aber in Anwesenheit vieler begeisterter Darmstädter – uraufgeführt worden: „Das kleinere Übel“ von Ludwig Berger.

Großherzog Ludwig, jener biedere, noch heute im Volksmund lebendige Monarch, wollte sich, so um 1880, mit seiner geliebten, nur leider nicht ebenbürtigen Xenia verheiraten. Aber Ex-Schwiegermutter Queen Victoria will eine solche morganatische Verirrung nicht dulden. Mit ihrem stocksteifen, schottenberockten Kammerdiener Brown kommt sie postwendend nach Schloß Kranichstein gereist, wo es damals zwar noch keine „Neue Musik“ gab, wo sie aber dem Ludwig doch schon recht schön die Flötentöne beigebracht hat. Wie nun in klugen und dialektsicheren Dialogen die alten demokratischen Traditionen des deutschen Südwestens lebendig gemacht sind, wie der durch und durch bürgerliche Großherzog sich mit der sozialdemokratischen Opposition zum Kaffeetrinken trifft und ihnen seine Modellhäuschen für den sozialen Wohnungsbau mitbringt, wie vor allem schon die kluge Xenia den Geist der neuen Zeit spürt und die harmonische Lustspiel-Lösung ermöglicht –, das ist von Ludwig Berger ganz aus dem Geist und Gefühl des schlagfertigen Mutterwitzes, des skeptischen Verstandes und aus dem aufs Bürgerlich-Praktische gerichteten Sinn des darmstädtischen Menschenschlags geschrieben. Diese lebensprallen Figuren des Großherzogs, des Spenglermeisters Bloch oder des Schloß Verwalters Biebel, vor allem auch so manche Sentenzen kommen direkt aus der Welt des Niebergallschen „Datterich“ und haben alle Aussicht, wie jener berühmte Satz von der Natur, die „im allgemeine so sehe?“ sei, in den lokalen Sprachschatz einzugehen. Und das ist ja wohl auch die höchste Ehre, die einem Volksstück widerfahren kann. U. S.-E.