Zwar hielt die Stadt nicht den Atem an (denn nur wenige ihrer Bewohner wußten, was sich an einem grauen Aprilmorgen in einem ihrer Büroräume im Zentrum tat), aber hinterher, als sie es in der Zeitung lasen, haben sich viele gute Bürger der Stadt dann gewundert. Zu der Zeit nämlich, da sie den Atem hätten anhalten sollen, sortierten fleißige Hände wissensdurstiger Menschen die Postkarten, durch die die populärsten Bewohner eben dieser Stadt ermittelt werden sollten. Tausende hatten sich gemeldet auf die Aufforderung hin, zur Frage nach dem beliebtesten Mitbürger ihre Meinung zu äußern. So wählte die Stadt ihre Repräsentanten. Sie wählte mit Mehrheit zwei Boxer und eine Opernsängerin. Achtzehn hatten für ihren Bürgermeister gestimmt und einer für den Polizeichef. Die Stadt war Hamburg.

Heute sind solche Rundfragen natürlich auf der Tagesordnung. Man fragt nach dem Mädchen mit den schönsten Beinen und dem verlockendsten Brustumfang; auch nach der beliebtesten Schauspielerin wird gefragt, und neulich kam ein besonders findiger Frager auf die Idee, die westdeutschen Filmproduzenten zu fragen, wie oft sie denn im letzten Jahr ins Theater gegangen seien. Auf alle diese Fragen antwortet dann das gesunde Volksempfinden, und keiner wird natürlich gegen das gesunde Volksempfinden etwas sagen wollen.

Vor zweitausend Jahren hielt Cicero, jener römische Staatsmann, der im Senat gegen Catilina wetterte, gerade das „gesunde Volksempfinden“ für eine außerordentlich suspekte Angelegenheit. Dieser Catilina war ja eigentlich ein ganz charmanter Kerl: er lebte gut, hielt viel von den Frauen (und sie von ihm), konnte brillant reden und sah ausgezeichnet aus; nebenbei stahl er Gelder, schlug Leute tot und betrachtete das Forum Romanum als einen Tummelplatz für Raufbolde. Gegen ihn also redete Cicero und gegen die vielen Leute, die ihn mochten. Und es versteht sich, daß die meisten ihn mochten, besonders die jüngeren. Da also war es, wo er sagte: „Wenn sich auch viele gegen mich stellen, so ist damit noch nicht erwiesen, daß der größere Teil auch der bessere ist.“ – Und das ging gegen das gesunde Volksempfinden.

Nun spricht freilich für das Empfinden der Hamburger, daß sie zwei prominente. Boxer wählten und eine gute Sängerin, die gern plattdeutsch spricht. Catilina wäre von den Hansestädtern wohl als zu unsolide nicht auf den Schild gehoben worden. „Spontan“ – so heißt es in der Veröffentlichung – hätten sich Tausende zu Wort gemeldet und in Briefen und Karten ihre Meinung kundgetan. Wie widerlegen doch diese Spontanen das hysterische Geschwätz von dem „jeden Tag weniger Zeit haben“. Man stelle sich nur die stillen Abende vor, da sie vor ihrem kalten Ofen saßen und sorgsam überlegten, für welchen ihrer Mitbürger sie nun die acht Pfennig Porto und die Postkarte opfern sollten. Früher freilich wurden in solchen Mußestunden Bücher gelesen – aber keiner wird ernsthaft bezweifeln, daß die Feststellung solcher offizieller Lieblinge eine die demokratische Gesellschaft weit fördernde Sache ist.

Man möchte nur zu gern wissen, warum der eine für den Polizeichef gestimmt hat. Findet er ihn wirklich so nett? Ja, weiß der Teufel, was sich der Mann davon versprochen hat. Vielleicht hat er gedacht – aber man weiß eben nicht, was er gedacht hat. Und auch von den achtzehn, die ihren Bürgermeister wählten, weiß man’s nicht. Das ist bedrückend. P. H.