Ende März begann vor dem United States District Court in New York ein Prozeß der englischen Regierung gegen die amerikanische Reederei Isbrandtsen Company, Inc. Was war geschehen?

Am 9. Januar 1950 stand der der Reederei Isbrandtsen gehörende Sechstausendtonner The Flying Arrow auf der Fahrt von Hongkong nach Schanghai vor der Jangtsemündung etwa 15 Seemeilen von der Küste entfernt. In der Nähe befanden sich die englische Korvette Black Swan und das nationalchinesische Kanonenboot Yung Feng. Kapitän Jones von der Flying Arrow wollte, ehe er in chinesische Hoheitsgewässer einlief, funkentelegrafisch Instruktionen seines Reeders einholen und ging vor Anker. Noch während des Ankermanövers aber, eröffnete die Yung Feng plötzlich einen Feuerüberfall auf den unbewaffneten amerikanischen Dampfer, der in kürzester Zeit: fünfzehn Treffer erhielt. Als an Bord ein Brand ausbrach, ließ Kapitän Jones „an alle Kriegsschiffe der USA und Englands“ funken: „Bin von chinesischem Kriegsschiff in Brand geschossen!“ Daraufhin dampfte die Korvette Black Swan zum Ort des Überfalles. Als sie sich der brennenden Flying Arrow auf kurze Entfernung genähert hatte, rief ihr Kommandant dem Kapitän Jones durch das Megaphon zu: „Ich kann in diesem Kriege keine Partei ergreifen. Wenn Sie aber das Feuer nicht mit Bordmitteln löschen können, werde ich Leute an Bord schicken, um Ihnen zu helfen.“ Kurz darauf bekämpfte die Besatzung der Flying Arrow zusammen mit einem Feuerlöschkommando der Black Swan unter der Führung von Kapitän Jones erfolgreich den Brand. Nach 45 Minuten konnten die Engländer wieder an Bord der Black Swan zurückkehren. – Soweit der Tatbestand, welcher jener Klage zugrunde liegt, die nun die englische Regierung als Eigentümerin der Black Swan in eigener Sache und „im Namen des Kommandanten, der Offiziere, der Besatzung und der auf der Black Swan eingeschifften königlichen Seesoldaten“ gegen die Isbrandtsen Company, Inc. eingereicht hat.

Der die Klägerin vertretende New Yorker Rechtsanwalt Longcope legte im Namen der englischen Regierung vor Gericht dar, daß es ohne das erfolgreiche Eingreifen des Feuerlöschkommandos der Black Swan Sehr zweifelhaft gewesen wäre, ob die Mannschaft der Flying Arrow Herr des Feuers hätte werden können. Vielmehr wäre höchstwahrscheinlich ein Totalverlust des Schiffes eingetreten. Die Klägerin fordere daher neben einem angemessenen Bergelohn den Ersatz der Unkosten, die durch die Hilfeleistung der Black Swan entstanden seien. Schließlich ersuchte der Anwalt das Gericht noch, die Beschlagnahme und den Verkauf der Flying Arrow zu verfügen, um aus dem Erlös die gerechten Forderungen seiner Mandantin zu erfüllen, deren Höhe sich aus dem eine Million Dollar betragenden Wert des Schiffes nach dem Löschen des Brandes ergebe.

Der Anwalt der beklagten Reederei wies hingegen nach einer Schilderung des Sachverhaltes darauf hin, daß weder die englische noch die amerikanische Regierung die sogenannte Blockade der chinesischen Festlandsküste durch die Nationalchinesen anerkannt hätten und daß es sich bei dem Überfall des nationalchinesischen Kanonenbootes außerhalb der chinesischen Hoheitsgewässer um einen einwandfreien Akt von Seeräuberei gehandelt habe, zu dessen Abwehr die englische Korvette selbstverständlich verpflichtet gewesen wäre. Im übrigen machte er geltend, daß 33 v. H. der Passagiere und 10 v. H. der Besatzung der Flying Arrow englische Staatsangehörige waren und daß der größte Teil der Ladung englischen Abladern gehörte und bei englischen Versicherungsgesellschaften gedeckt war.

An dem Ausgang dieses Rechtsstreites, in welchem die englische Regierung die klägliche Rolle des klagenden Bergungsunternehmers spielt, ist nur die kleine Schar der Beteiligten direkt interessiert. Da ist zunächst der amerikanische Reeder Hans J. Isbrandtsen, der nichts zahlen will. Da sind die Offiziere, Mannschaften und Seesoldaten von H. M. S. Black Swan, die auf das einträgliche, durch jahrhundertealte Tradition erhärtete Recht der englischen Marine nicht verzichten wollen, bei der Ausschüttung von Prämien nach Rettung in Seenot geratener Schiffe in Kriegs- und Friedenszeiten beteiligt zu werden. Und da ist schließlich die englische Regierung als Klägerin. Welches auch immer die Gründe gewesen sein mögen, die sie bewogen haben, den Prozeß anzustrengen –: fest steht, daß sie bei ihrer Entscheidung die möglichen politischen Folgen eines solchen Rechtsstreites offenbar völlig außer acht ließ. Die indirekten Nutznießer dieses Prozesses sind nämlich in jedem Fall die Machthaber in Moskau und Peking, denen durch diesen „Schauprozeß“ vor dem United States District Court in New York ein anschauliches Bild von der harmonischen Zusammenarbeit des Westens gegeben wird.

Ernst Krüger