Seitdem General Jean de Lattre de Tassigny das Amt des französischen Hohen Kommissars in den indochinesischen Mitgliedsstaaten der „Französischen Union“ und gleichzeitig den Posten des Oberbefehlshabers der französischen Truppen in Vietnam übernommen hat, ist eine wesentliche Besserung in der militärischen Lage der Franzosen eingetreten. Die Generaloffensive der von chinesischen Instrukteuren ausgebildeten und mit chinesischen Waffen ausgerüsteten Streitkräfte Ho Chi Minhs, die bis etwa vierzig Kilometer nördlich von Hanoi und zwanzig Kilometer nördlich der Hafenstadt Haiphong vorgedrungen waren, ist Ende März endgültig gescheitert ...

Dieser militärische Erfolg de Lattres ist in erster Linie auf die Waffenlieferungen der Vereinigten Staaten zurückzuführen. Hinzu kam, daß eine wesentliche Verstärkung der französischen Truppen erfolgt ist, deren Gesamtstärke nunmehr etwa 160 000 Mann beträgt. General de Lattre hält aber auch diese Zahl noch für ungenügend. Während seines kurzen Pariser Besuches im März versuchte er die französische Regierung davon zu überzeugen, daß ihm eine Erhöhung der Truppen auf 215 000 Mann in die Lage versetzen würde, zur Offensive überzugehen, die Aufständischen über die chinesische Grenze zu treiben und den Krieg endgültig zu beenden. Die Aussicht, diesen Krieg, der Frankreich täglich eine Milliarde Francs – kostet, siegreich zu Ende zu führen, veranlaßte die französische Regierung, dem General zunächst die Hälfte der von ihm geforderten Verstärkungen zu bewilligen.

Ho Chi Minh und sein Oberbefehlshaber General Vo Nguyen Giap haben aus den militärischen Rückschlägen die Konsequenzen gezogen. In einer am 8. April veröffentlichten Erklärung Ho Chi Minhs heißt es: „Der Bewegungskrieg ist zur Zeit nicht die beste Strategie. Wir müssen zu der Taktik des Guerillakrieges zurückkehren.“ General Nguyen Giap bestätigte diese Auffassung, indem er hinzufügte: „Unser jetziges Ziel ist nicht, auf Haiphong oder Hanoi zu marschieren oder französische Stellungen zu nehmen. Wir wollen vielmehr einen neuen Abnutzungskrieg beginnen.“

Aber nicht nur auf militärischem Gebiet, sondern auch auf innerpolitischem Gebiet versuchen beide Gegner ihre Positionen zu festigen.

Dem Exkaiser und Staatspräsidenten Bao Dai ist dies allerdings mißglückt. Es ist ihm bis heute nicht gelungen, einflußreiche, besitzende Kreise für eine Mitarbeit in der Regierung zu gewinnen.

Während also von einer Konsolidierung der innerpolitischen Verhältnisse im Machtbereicht Bao Dais ganz und gar nicht die Rede sein kann, kam es in dem von Ho Chi Minh beherrschten Gebiet zu innerpolitischen Maßnahmen von großer Tragweite. Zunächst wurde die kommunistische Arbeiterpartei Laodong zum Träger der politischen Macht erklärt. Unter ihrem Generalsekretär Truong Chin hat sie die Aufgabe, in Vietnam, Laos und Kambodscha eine Vereinigte Front gegen die „französischen Imperialisten“ herzustellen.

Die in den Reihen der Aufständischen vorhandenen vielen nichtkommunistischen Gruppen wurden in der Lienvit einer Liga für nationale Unabhängigkeit, zusammengefaßt. Ihr Präsident Ton Duc Thang, ein alter kommunistischer Revolutionär, hat gleichzeitig das Amt des Präsidenten des ständigen Komitees der Nationalversammlung inne. Die enge Verbindung der Lienvit mit der Regierung wurde auch noch dadurch unterstrichen, daß Staatspräsident Ho Chi Minh bei ihr das Amt eines Ehrenpräsidenten übernahm.

Dieser Neuaufbau der politischen Organisation zeigt, daß Ho Chi Minh nicht mehr unumschränkt herrschen kann. Der Generalsekretär der Laoding, der Präsident der Lienvit und der Oberbefehlshaber der aufständischen Streitkräfte repräsentieren politische Kräfte, die in Zukunft die Entscheidungen des Staatspräsidenten mitbestimmen werden. E. K.