Gabriel Marcel: „Der Bole“ und andere Denkspiele

Das Allernächstliegende zu entwirren und Auswege zu eröffnen aus den Labyrinthen bloßer Instinkte – darin allein vermag alles Für-sich-Denken seinen Wirklichkeitsgehalt zu bewähren. Der Philosoph Gabriel Marcel griff sich das heißeste Eisen heraus: ein Résistencethema. Das Stück entstand 1945, also aus der frischesten Aktualität, die gemeinhin mit allerlei Affekten belastet zu sein pflegt. Gerade darin mochte Marcel auch sich selbst erproben wollen – wieweit es ihm gelingen mochte, scheinbare Gelassenheit ganz tragfähig zu machen.

Schlechterdings großartig gelang es ihm, die Verwirrung einer von „Widerstand“ und „Collaboration“ in gleicher Weise benommenen, zerwühlten, ja bis zur Kollektivpanik zersetzten Familie („damals“, in dem soeben erst befreiten Paris) zu verdichten und zu durchgliedern. Und dabei enthüllt sie sich an einer Gegebenheit, die man landläufig zunächst einmal „Glücksfall“ nennen würde. Denn der Vater dieser Familie Ferner, den die Gestapo deportiert hatte in eines jener östlichen Läger des Grauens – er ist plötzlich, Februar 1945, also noch vor Kriegsschluß, heimgekehrt. Allerdings nur noch als taube Hülse seiner selbst; der personale Kern ist in der Ferne geblieben. Er ist nur noch „Bote“, abstrakter Künder seiner Rückkehr. Auskunft zu geben, lehnt er ab und legt sich schweigend zum Sterben.

Was um ihn herum an seelischen Zickzackkurven, unter seinen Angehörigen, passiert, ist wie die echte Niederschrift des Schicksals. Jeder nimmt die grellen Debatten „Hie resistance – hie collaboration“ als wilde, unnachsichtige Dialektik in sein Inneres hinein. Ein einziger, Antoine, einer von den Schwiegersöhnen, behält den Kopf oben, weil er (und da beginnt der Christ Marcel eine genauer umrissene christliche Diktion zu intonieren – aber erst da! und es ist kein rhetorisches Prunken daran) seinen Glauben in der Liebe und in der Hoffnung gegründet hat. Seine Mutmaßungen bestätigen sich in dem Brief eines Dritten: ein Leidensgefährte des Vaters schreibt, gerettet und gesund, aus der Schweiz. Er hatte sich geopfert, indem er dem Vater die Heimkehr ermöglichte und an seiner Stelle im Todeslager blieb. Nun ist der, der das Opfer annahm, tot – auch aus Gewissensskrupeln. Und der, der sein Leben hingab, hat es gewonnen...

Diese Parallele erhält dramaturgisch keinen zu starken Akzent. Denn die Ereignisse gründen nicht die Entscheidung, sondern umgekehrt, die Entscheidungen treiben die Ereignisse heraus. Aufrichtigkeit, strenge und subtile Aufrichtigkeit als einzig möglicher Ariadnefaden – dieses Grundwissen enthüllt sich unnachsichtig, behutsam, ohne Holzhammer.

Das Stück ist aus mancherlei Gründen in Frankreich noch nicht gespielt worden. Bielefeld wagte sich also an eine regelrechte Uraufführung Benno Hattesens Regie legte alle Fäden bloß und sorgte sich, bei aller Verlebendigung durch leibliche Konfrontierungen, hauptsächlich um eine dichte Übertragung des „inneren“ Prozesses. Wie ihm das mit dem in seiner Tragfähigkeit immerhin begrenzten Ensemble einer (wenn auch trefflichen) Provinzbühne gelang, das erheischte allen Respekt. Als „Vater“ zeigte Friedrich Hölzlin eine unpathetisch starre, belastete Gebrochenheit; Fritz Luther dosierte alles Christliche überlegen und taktvoll, Traute Fölss (als Tochter Sylvie) produzierte die innere Zerrissenheit mitunter als wirklich zeichnende „Psychographik“.

Albert Schulze Vellinghausen