Daß trotz aller offensichtlichen Gemeinsamkeiten in der modernen Malerei spezifisch nationale Kennzeichen festzustellen sind, wird in der großen Ausstellung italienischer Gegenwartskunst deutlich, die unter dem Patronat des italienischen Außenministers nach Deutschland kam und jetzt im Altbau der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist. Ein ausgesprochen südliches Gleichgewicht scheint nämlich die Gesamtheit der gezeigten Bilder zu beherrschen, als wollten sie weder zu schwer noch zu leicht genommen werden.

Die meisten lebenden italienischen Maler von Rang sind vertreten; und obgleich der bedeutendste unter ihnen, Giorgio de Chirico, und so hervorragende Erscheinungen wie der auf etruskische Formen zurückgreifende Campigli oder der versonnene Achille Funi in der Ausstellung fehlen, vermittelt sie einen fast vollständigen Eindruck von der heutigen italienischen Malerei.

Mit dem Futurismus hatte die italienische Kunst in den Jahren zwischen 1910 und 1920 zum ersten Male seit dem Tode Tiepolos wieder europäische Bedeutung erlangt. Er war die Reaktion junger Maler wie Chirico, Carrà, Severini, Boccioni gegen die Abhängigkeit von der großen malerischen Tradition ihres Landes, deren Gewicht ihrer Meinung nach während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts die Entfaltung der italienischen Kunst gehemmt hatte. Wie das Problem des französischen Kubismus der Raum, die Körperlichkeit war, das desdeutschen Expressionismus die Fläche, so das des italienischen Futurismus und der aus ihm hervorgehenden metaphysischen Malerei die Proportion.

Um 1920 war die Bewegung der „Pittura Metafisica“ abgeklungen; ihre Anhänger wandten sich fast ausnahmslos einer traditionellen klassischen Malweise zu. Aber ihr Einfluß machte sich weiterhin geltend. In Chirico sieht man heute einen der Begründer des Surrealismus. Und die gegenwärtige Ausstellung läßt erkennen, daß die jüngere italienische Kunst ohne die Erfahrungen der Futuristen gar nicht denkbar wäre.

Sie bilden heute bereits die älteste Generation der italienischen Maler. Zwei neuere Stilleben Severinis sind ausgestellt sowie Landschaften und das ausgezeichnete Gemälde eines Stieres von Carrà, Zeugnisse von Altersstilen, denen weder die Kraft der revolutionären Frühwerke noch etwa die Qualität der späten Werke Picassos oder Kirchners innewohnt. Diese wird eher erreicht durch die formstrengen, farbkräftigen Kompositionen des fast gleichaltrigen Turiners Casorati. Die von Chardin und Cézanne beeinflußten Stilleben des sechzigjährigen Morandi haben etwas von anspruchsloser, qualitätsvoller Heimatmalerei; sein Altersgenosse Spazzapan gibt in seinen Bildern die Gestalt des Menschen wie in einer Schreckensvision wieder.

Aus der Generation um 1900 ragen der geschmackvolle, spezifisch venezianische Spätimpressionist de Pisis und der versöhnlich-naive Surrealist Viviani hervor, der durch Kokoschka angeregte Carlo Levi, der mit Zeichnungen vertretene bedeutende Mailänder Bildhauer Marina und der bisweilen an Dufy erinnernde, dennoch typisch italienische, maßvolle Paulucci. Von dem 1908 geborenen Bildhauer Manzù, der 1950 die Konkurrenz für die Bronzetür des Petersdomes gewann, ist eine lebensgroße, zarte Aktzeichnung auf rötlichem Zementputz ausgestellt.

Wie wenig die moderne italienische Malerei im Grunde von Paris beeinflußt ist, zeigt sich vor allem bei Renato Guttuso, der 1912 in Palermo geboren wurde, heute in Rom tätig ist und durchaus europäisches Format besitzt. Er entnimmt seine Bildthemen vornehmlich dem täglichen Leben. Seine „Boote im Sturm“ und „Schlafender Fischer“ zählen zu den besten Bildern der Ausstellung, in denen sich in besonderem Maße das Charakteristische der italienischen Malerei ausdrückt. Hans Jürgen Hansen