Der Große Preis der Internationalen Film-Festspiele von Cannes ging zu gleichen Teilen an den italienischen Film „Miracolo a Milano“ (Wunder in Mailand) von Vittorio de Sica und an den schwedischen Film „Julie“. Den Sonderpreis der Jury erhielt der amerikanische Film „All about Eve“, dessen Hauptdarstellerin Bette Davis außerdem mit dem Preis für die beste Leistung einer Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Zum besten Schauspieler wurde Michael Redgrave für seine Rolle in dem Film „The Browning Version“ erklärt. Dieser Film erhielt mit einem Preis für das beste Drehbuch eine weitere Auszeichnung. Der Preis für die beste Regie, wurde dem in Spanien geborenen Mexikaner Luis Buñuel für seinen Film „Los Olvidados“ (Die Vergessenen) verliehen. Der sowjetische Farbfilm „Mussorgskij“ wurde für die beste Ausstattung preisgekrönt,

Vittorio de Sica, durch seine Welterfolge „Sciuscia“ und „Fahrraddiebe“ neben Rossellini der bekannteste italienische Regisseur, hat sich für seinen neuen Streifen „Das Wunder in Mailand“ eine Romanfigur des Dichters Zavattini verschrieben. Die Signora Lolotta findet im Mailänder Vorstadtkehricht ein Waisenkind, eine Art Pinocchio ungeklärter Herkunft, den sie mit Güte und viel Optimismus großzieht. Nach ihrem Tod gerät „Totò der Gute“ in ein Waisenhaus und dann als 18jähriger, Weltverbesserer in eine Obdachlosengemeinschaft an der Peripherie. Als unter den Elendsbaracken eine Petroleumquelle entdeckt wird, erscheint der Grundbesitzer, der Millionär Gobbi, zunächst als Volksbeglücker und, als seine List durchschaut ist, mit Polizeiaufgebot. Doch er hat seine Rechnung ohne Mamma Lolotta gemacht, die ihrem Schützling aus himmlischen Gefilden eine wunderkräftige Taube schickt. Was wünschen sich die armen Teufel? Totò muß jedem erst mal einen kostbaren Pelz herzaubern, wie ihn der Hundsfott Gobbi trägt, dessen Habgier mit Hilfe, des gefiederten Talismans mehrmals durchkreuzt wird. Als er das „Gesindel“ endlich zwangsweise evakuiert, dreht ihm Totò eine letzte Nase und entwischt, mit seinen Vagabunden, auf den Besen der Straßenkehrer Vom Domplatz reitend, in eine bessere Welt. Geht die Luftreise gen Osten? Die soziale Polemik ist offenbar.

Schade, daß diesem Film voll Humor und Satire, bizarrer Einfälle und prachtvoller Fotografie der plausible Untergrund mangelt, den auch eine Fabelwelt nicht entbehren kann. Kintopp ist an sich schon Magie. Wenn nun der Regisseur alle kosmischen Gesetze aufhebt, Esel fliegen und Gespenster reden läßt, so sollte das nur mit René Clairs leichter, virtuoser Hand geschehen. Bei de Sica sind die Ausflüge ins Übersinnliche überdosiert und sprengen die ganze Fabel. Seine Schuhputzer und Fahrraddiebe waren unserem Herzen näher, ihre Menschlichkeit rührte, überzeugte uns mehr. Aber der Film „Das Wunder in Mailand“ hat große Szenen: Totos schüchterne Liebe zu Edvige; Mamma Lolottas Begräbnis; die Armen, die wie Waldtiere im einzigen Sonnenstrahl zusammenrücken, der den Mailänder Nebel wie auf einem Heiligenbild durchbricht; der Obdachlose, der den Preis der gastronomischen Lotterie gewinnt und sein Huhn unter den Hungerblicken der anderen Vagabunden schweigend auffuttert. Überall, wo de Sica nicht zu gleicher Zeit Soziologe, Politiker, Philosoph und Poet sein will, beweist er sich wieder einmal als Zauberer, der mit hervorragend geführten Darstellern, unter denen sich außer Emma Gramatica (Lolotta) kein einziger „Star“ befindet, ein originelles, mutiges Zeitbild malt. Curt Maronde