Von Adolf Frisé

Er war mir nicht gerade als Misanthrop, aber doch als menschenscheu, ja verkapselt geschildert worden. Unser Gespräch indes stockte keinen Augenblick. Im Gegenteil. Ich vergaß sogar, daß er, seit Jahren dreiviertel blind und „der Welt ausgeliefert“, kaum mehr als einen schattenhaften Umriß von mir wahrnahm. Federnd, temperamentvoll, schmal, asketisch, ohne jeden Anflug von „philosophischer Schwere“, auch völlig ohne „Seher“-Würde, mit immer noch merkwürdig anspringenden, beinahe ungetrübt wirkenden Augen, schien es ihn allenfalls zu strapazieren, daß er drei Stunden auf einem Fleck sitzen mußte.

Der Goethepreisträger des Jahres-1929 (der dritte nach Albert Schweitzer, und Stefan George) hat sich, der „geborene Unlehrer“, wie er sich nennt, immer als Einzelgänger unter den deutschen Philosophen gesehen. Ganz bewußt wählte er die „Narrenfreiheit“ des nicht beamteten Forschers. Schon Carl Heinz Becker, der wohl liberalste nicht nur aller preußischen Kultusminister, wollte ihn auf einen Lehrstuhl setzen; später, vor nun zwanzig Jahren, spielte auch Heidegger mit dem Gedanken eines Freiburger Extraordinariats für ihn. Heidegger im übrigen ist seit seiner Schrift „Über den platonischen Wahrheitsbegriff“ der einzige unter unseren zeitgenössischen Denkern, der Ziegler innerlich nahesteht. Die „Holzwege“ zählten zu den wenigen Neuerscheinungen, die er sich vorlesen ließ.

Seinen Abstand vom philosophischen Lehrbetrieb definiert er lediglich als „Gegenteil einer Nähe“, die Professorenfeindschaft Schopenhauers ist ihm fremd. Eine seiner jüngsten, noch unveröffentlichten Schriften heißt: „Universitas aeterna“, der Entwurf für eine europäische Universität. Er hält sie mit ihren knapp hundert Seiten für seine heute rundweg wichtigste Arbeit. Er plant keine vielhundertseitigen Standardwerke mehr wie den „Gestaltwandel der Götter“, der ihn – „mein einziger echter Erfolg“ – kurz auch dem ersten Weltkrieg berühmt machte. Er ichreibe nun nur noch „Extrakte“, Gedankenkonzentrate, die die Katastrophe überdauern könnten. Katastrophe? Er ist überzeugt, daß es „eine Minderheit meines Glaubens auf der Erde gibt, die sie überflüssig macht“. Die Frage seiner nächsten Studie lautet: Wie sieht der Mensch aus, der die lorengegangen ist, in der Zukunft tragen soll?

Eduard von Hartmann, Wagner, Böcklin waren die Götter der Jugend. Bereits 1910 kam der Bruch. „Das Weltbild Hartmanns“ war seine erste entschiedene Absage an den Geist der Selbstsicherheit des vergangenen Jahrhunderts. Es folgte die Lossagung von Wagner, der „Tyrannis dies Gesamtkunstwerks“. Ein monatelanges Krankenlager mit einer tuberkulösen Hüftgelenken zündung hatte die Wandlung gebracht: Bergson, Kant, Aristoteles, aber auch den Sozialismus; Marx, „Das Kapital“, das „durchgeochst“ wurde. Die Freundschaft mit dem Bildhauer Karl Albiker, mit dem er von seiner Heimatstadt Karlsruhe in eine ländliche Boheme nach Ettlingen übersiedelte, inspirierte die „Florentinische Introduktion“ (1911): „Zur Philosophie der Architektur und der Bildenden Künste“. Zentralziel aber wurde die Zeitkritik: „Der deutsche Mensch“ (1916) und „Volk, Staat und Persönlichkeit“ (1917) in einer populären Schriftenreihe des S. Fischer Verlages. Ein drittes Bändchen war der religiösen Frage zugedacht. Aus dem Stichwort „Vom Sinn und Übersinn der Welt“ entstand ganz unvorhergesehen der „Gestaltwandel“ und damit das Grundmotiv aller weiteren Werke: die Analyse der Entgötterung, die zum Zerfall der Kultur führt. Die „Verkümmerung der Innenwelten“, die „Entmenschlichung“, das seit Newton und Galilei mehr und mehr dominierende mechanistische Weltbild ist seine tiefste Sorge geblieben. „Ich wollte kein Atheist“, so erklärt er es jetzt „ich wollte Christ sein.“ Dahinter jedoch steht klarer als je die Einsicht, daß „die gegenwärtige Gesellschaft geradezu in zwei schlechthin unvergleichbare Zeitalter diesseits und jenseits dem Gesellschaftsfrieden aufgespalten“ ist. Sie stand schon hinter dem soziologischen Versuch „Zwischen Mensch und Wirtschaft“ (1927), in der – ihm damals unbewußt – etwas von der Sozialidee Ernst Abbés anklang, auch hinter der „Magna Charta einer Schule“ (1928), in der er sich für die Elitepädagogik seines Freundes Kurt Hahn einsetzte, endlich hinter seinen, einem Wunschtraum ähnelnden „25 Sätzen vom deutschen Staat“ (l934).

Ein Prediger in der Wüste? Ja und nein. Er suchte früh, schon 1919, und freiwillig die Stille und Unabhängigkeit. Zuerst auf einem Dorf bei Lindau, danach in Überlingen. Er wisse von Menschen, sagt er – unbegreiflich bescheiden und genügsam – für die seine Arbeit, innerlich und äußerlich, lebensbestimmend geworden sei. Er klagt nicht, mit keinem Wort, obwohl sein Mäzen (ja, ein Mäzen!), ein Zeitschriftenverleger aus Thüringen, der viele Jahre hindurch die schützende Hand über ihn hielt, seit 1945 selbst mittellos ist. Von dem Fenster seines Arbeitszimmers erkennt er den See unter sich und die Berge dahinter nur noch als einen milchig schimmernden Strich. Er lebt hier wie auf einer Insel. Einsam? Darüber sprach er nicht. Er sprach zum Schluß von seinen „Wahlsöhnen“, die bei ihm und seiner verstorbenen Frau Hausrecht genossen. Einer von ihnen hat sich zum Anwalt unserer verwahrlosten Nachkriegsjugend gemacht. Mit spürbarem Stolz zeigte Ziegler mir dessen Erstlingswerk: die Biographie des siebzehnjährigen Doppelmörders Wilfried Helm. Fritz Bembé, der Autor, erscheint ihm als ein neuer Typus des „Menschenfreundes“. Ich hatte das Gefühl, daß es für ihn der höchstmögliche Ausdruck des Lobes war.